Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 11. 6. 1867
Adressat: Konrad Deubler


Paris, den 11. Juni 1867,
Boulevard de Strasbourg 67.

Mein lieber Deubler!

Meine Antwort hat lange auf sich warten lassen; aber ich bin sehr faul im Briefschreiben und es bedarf immer eines großen Entschlusses, bis ich dazu komme. Fahrende Leute wie ich, die bald da, bald dort sind und weder Herd noch Heimat haben, werden aber auch fahrlässig in Dingen, welche angesessene Leute unter Dach und Fach, wie Du, mit mehr Ordnung betreiben. Ich bin, wie Du aus dem Datum meines Briefes siehst, gegenwärtig in Paris, um die große Ausstellung zu mustern und Berichte darüber in der Beilage der „Allg. Zeitung“ zu schreiben. Es ist viel Schönes hier zu sehen, und wenn man so den Fortschritt der Menschheit vor Augen hat, so kann man nur schwer begreifen, wie es möglich ist, dass die große Mehrzahl der Menschen noch so tief in der Dummheit, Geistesfaulheit und in der politischen Knechtschaft steckt. Denn wenn man auf der andern Seite sieht, wie all‘ das Gesindel läuft und rennt und schreit, wenn der Kaiser von Rußland oder der König von Preußen oder sonst ein Potentat hier ankommt, und wie speichelleckerisch all‘ das officielle und nicht-officielle Pack noch ist, so vergeht Einem etwas die Freude an der Ausstellung. Wir werden’s nicht mehr erleben, dass die Menschen noch einigermaßen zur Vernunft kommen.

Desto erfreulicher ist es, wenn man hie und da auf seinem Lebenswege einen freien Kerl trifft; wie Du, der – aus dem Volk herausgewachsen, ohne viel Erziehung und Unterricht, auf eigne Faust den rechten Weg zu finden weiß und nach den Quellen der Bildung dürstet, um sich jenen geistigen Besitz zu erwerben, der allein den Menschen zum Menschen macht. Lassen wir aber den Dingen, die wir nicht ändern können, ihren Lauf und trösten wir uns mit der Überzeugung, dass der Gedanke doch der Herr der Welt ist und dass das, was wir als das Rechte und Wahre anerkennen, doch siegen muß, wenn wir auch nicht mehr dabei sein werden, um Victoria zu schreien. Glücklicherweise gewährt das Streben nach Wahrheit den größeren Genuß, als all‘ der Flitter, womit die Mächtigen dieser Erde und ihre Bedienten sich behängen.

Der Umstand, daß ich in Paris bin, wird Dir wohl erklären, warum ich Deiner freundlichen Einladung nicht nachkommen kann; aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und ich habe mir vorgenommen, eines schönen Tages in Goisern bei Dir einzufallen. Erfreulich würde es freilich für uns sein, wenn wir Feuerbach zugleich bei uns haben könnten; aber er wird hoffentlich nicht das letzte Mal bei Dir gewesen sein und so läßt sich ein solches Zusammensein wohl im nächsten Jahre ausführen.

Das Herumlaufen in der Ausstellung ist sehr ermüdend, namentlich wenn man ein Geschäft daraus machen muß; denn die Masse des Vorhandenen ist so groß, dass man sich keine Vorstellung davon machen kann, wenn man es nicht gesehen hat. Ich habe zwar bloß einen Bericht über Kunst und Kunstgewerbe übernommen, aber auch in diesen Fächern ist so viel da, dass man monatelang dazwischen herumgehen kann, ehe man Alles ordentlich gesehen und verarbeitet hat.

Hoffentlich befindest Du Dich wohl und, bei dem liberalen Anlauf, den Eure Regierung jetzt nimmt, in unbehelligten Verhältnissen. Bekommt Ihr denn jetzt nicht auch etwas mehr Luft in Deutsch-Österreich? Ihr müßt die Ungarn nicht alle Freiheit allein auffressen lassen. Bleibe inzwischen wohl, laß wieder einmal von Dir hören und sei herzlich gegrüßt

von Deinem
L. Pfau


Aus: Konrad Deubler. Tagebücher, Biographie und Briefwechsel des oberösterreichischen Bauernphilosophen. Hrsg. von Arnold Dodel-Port. Bd. 2: Briefwechsel (1848-1894). 1986, S. 82-84.
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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