Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 19. 6. 1867
Adressat: Julius Haußmann


Dresden, 19./6. 67
gr. Schießgr. III

Geehrter Freund!

Da ich Sie in Person hier bzw. in Leipzig nicht empfangen konnte, so gereichte es mir zu großer Freude, wenigstens Ihren lieben Alter ego dauernd bei mir behalten zu können. Nehmen Sie dafür meinen besten Dank.

Über die Erfolge unserer Bemühung, das geschlagene Häuflein zu sammeln, brauche ich Ihnen wenig zu schreiben, die Zeitungen melden das alles (nicht zu meiner Freude) in zehnfacher Vergrößerung. Weniger (( ...... basiren)) u. Lärm machen, dafür unvermuthet wie der Blitz einschlagend, das wäre meine Weise; aber ich kann sie nicht allen aufzwingen.

Auf dem Schriftstellertag ging es ganz faul. Auswärtige Freunde waren bis auf zwei Österreicher nicht erschienen, also konnte auch nichts allgemeines ausgemacht werden.

Am Schriftstellertage selbst wurden unsere Leute aus dem Vorstand hinausgeworfen. Durch (( ...... )) zwar ((war als Haus)) nicht Berlin, sondern Dresden gewählt. Wir hätten demnach hier es in der Hand, sollte man meinen, Ausartung zu verhindern; aber wir werden voraussichtlich übers Jahr wieder geschlagen werden, die Berliner in Gala-Haufen einziehen und aus dem Süden, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, niemand kommen. Der nahezu dritthalbhundert zählende Schriftstellerverein Concordia hatte sich in zwei
Jahren nicht dahin aufraffen können, seine Mitgliedschaft auch nur durch einen Deligirten wahrnehmen zu lassen. Ich werde, wenn ich den nächsten Schriftstellertag hier noch erlebe, ein paar Monate vorher nach allen Seiten Erinnerungen schicken (in Wien ist man daran so gewöhnt, daß man die öffentlichen für jedermann gegebenen Aufforderungen als nicht vorhanden zu betrachten scheint), aber ich glaube nicht, daß sie besseren Erfolg haben werden.

Ein sächsisches Blatt  u n s e r e r  Farben gibt es zur Zeit nicht. Wir wollen sehen, ob wir vorerst mit einem Wochenblatt wiederanfangen können. Für die (( ... adligen)) halten Sie sich
am besten au courant durch die wenigsten vom ((Hoch .. : .. thum)) freien, hinsichtlich der Saxonica von einem äußerst ((····)) kundigen und nach dieser Seite ((wirklich)) taxirenden Manne, einem Veteranen des vormärzliehen Liberalismus und (( ..... )) Kampfgenessen der meistens (((von))) biedermännerlichen Überläufern redigirten Sächsischen Zeitung in Leipzig. Der Mann ist der seinerzeit vom Ministerium Falkenstein (anno 46) gemaßregelte ((.......... ... . . . . . . )) C. Cramer. In dem hochpolitischen Theile treibt Obermüller bisweilen abenteuerliche Dinge und eine anderweitige unbrauchbare Zugabe bei Rücksicht auf gewisse 'patriotische' (( ..... )) ist eine Partie ((schmackloser)) Senf über neuleipziger Frömmigkeit.
Das können Sie getrost überschlagen. Der bezeichnete Theil, auf den es für Sie doch allein ankommt, ist gut gewählt, vollständig und prompt zusammengestellt und commentirt. Er setzt nach dieser Seite immer auf die rechte Fährte. Was noch im Lande an Zeitungen erscheint ist gothaisch - entweder von Grund aus oder in Nacheiferung des vom Hof gegebenen Beispiels tout comme chez vous. Ich habe übrigens einige kleine Symptome von einer Wendung der Meinung in dem letztgedachten Kreise, NB. nun, nachdem es zu spät ist. Ein tiefer Riß geht nämlich augenblicklich durch die altsächsisch conservativen Kreise. EinTheil ist und war so erbittert über die 'Ereignisse', daß er sich mit dem Reichspalast verbunden hätte, die Scharte auszuwetzen. Es gibt auch hier Berlichingers, die es für Zeit halten, wenn nicht ((indem)) doch an die Republikaner zu gehen. Der größere Theil dachte sich mit dem Hof in Berlin anzubetteln, wohl mit dem Hintergedanken, ein naher Krieg werde sie degagieren, ohne daß sie nöthig gehabt haben würden, etwas einzusetzen, ((namentlich)) ohne
Verlust an freiheitsfeindlichen (( ... )). Der Krieg ist ausgeblieben, die neuen Zustände befestigen sich. Doch Preußen langt sich einen Monat um den anderen ein neues Stück sächsischer Souveränität zu, ohne daß die Herren, der zugewiesenen Rolle treu, dies anders als mit dem 'reglementsmäßigen Danke' hinnehmen durften. Da ist denn, wie ich glaube, auch in Hofkreisen (aber ohne Zutun der Regierung) in den letzten Wochen die Parole ausgegeben worden, Fühlung mit der Demokratie zu suchen, natürlich aussichtslos, denn der Hof hat alles, was er besaß, hingegeben für die Ehre, preußischer Kabale zu sein, und, nachdem er nichts mehr besitzt, für jedermann aufgehört, ein begehrenswürdiger Bundesgenosse zu
sein. Zu dem einzigen, was eine Verständigung mit ihm einbringen könnte, zu freisinnigen Reformen der inneren  Ver w a l t u n g  fehlt ihm der Muth - die gegenwärtigen Minister zu entlassen, ein Schritt, der ja sofort in Berlin die Wandelung verraten würde, ganz abgesehen davon, daß die Männer, die unter allen Umständen, selbst unter feindlicher ((Cooptation)), Minister zu bleiben wissen, gewiß auch Mittel finden würden, von Berlin aus sich gegen solche Anwandlung zu sichern.

Erlassen wir daher den (( ... )), denen zu spät die Augen aufzugehen anfangen, die unnütze Compromitirung. Mögen sie die angefangene Rolle unbehelligt weiter spielen. Ich meinerseits mag auf keinen Fall die Schuld auf mich laden, ihnen (( ....... )) zwecklose Bloßstellungen zuzuziehen, nachdem sie sich die ärgsten, wie sich für sie ((auch)) jetzt herausstellte (( . . . . . und)) es jeder Vernünftige vorher wissen konnte, durch ihr Verhalten nach dem Friedensschlusse selbst zugezogen haben. Ich bitte Sie daher, Vorstehendes bloß zu Ihrer und der vertrauten Parteigenossen Information - gleich der traurigen, aber dankenswerthen Aufklärung über die Stimmung Ihres Landtags - nicht für die Öffentlichkeit
gegeben zu behandeln.

Ebenso danke ich Ihnen, sowenig mich der Inhalt freute, für die corrigirende Werthschätzung der Genfer Agitation. Es ist immer besser, bei Zeiten als zu spät enttäuscht zu werden.

Zum Zollvereinsparlament haben Sie, wie ich aus Ihrer heutigen Nummer sehe, scharf und entschieden Stellung genommen, entschiedener als ich es nach den von Ihnen angedeuteten, mir immer auf der Seele gelegenen Rücksichten erwartete. Ich wünsche Ihnen von Herzen allen Erfolg, obgleich ich aus eigener Erfahrung weiß, daß mit individuellen Wahlenthaltungen nichts gethan ist. (( ...... )) konnte sich darauf legen, weil sein Landtag die Waffen in den Händen hatte. Gelingt es nicht, die Sache aufzuhalten, solange sie noch bei diesem Anfang liegt, den Leuten begreiflich zu machen, daß sie, wenn sie nicht widerstehen, auf jeden Fall sich selbst für die Wahl unmöglich, ihrer eigenen Landtagsrichtungaber
durch das dann gewiß auch in W. Nachahmung findende System der  D i ä t e n l o s i g k e i t  sehr unbehaglich machen, dann bleibt nichts übrig, als sich mit Energie in die Wahlen selbst zu werfen, wie wir es zu thun entschlossen sind.

Mit herzlichen Grüßen an Sie und die Stuttgarter Freunde
Ihr ergebenster
Pfau


Stadtarchiv Stuttgart
NL Haußmann Nr. 16
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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