Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 10. 11. 1866
Adressat: Ludwig Feuerbach


Göppingen, den 10. November 1866.

Mein lieber Feuerbach!

Es hat etwas lange gedauert, bis ich meinem Versprechen nachkomme; aber wie Sie aus der Ueberschrift ersehen, befinde ich mich dermalen in Göppingen, und so musste ich vorher einen Abstecher nach Stuttgart machen, um Ihnen die Bücher schicken zu können.

Ihr Buch habe ich mit großer Freude gelesen. Das ist Alles echt und gesund, und steht auf festem Boden. Auch die ironischen und humoristischen Spitzen, die da und dort zu Tage treten, thun wohl. Es ist eine Schande für Deutschland, dass solche Arbeiten, welche die wichtigsten Fragen von einer neuen und factischen Seite anpacken und auf die allein fruchtbringende Weise behandeln, eine so geringe Anerkennung finden. Es wäre kein Wunder, man bekäme alle geistige Arbeit satt. Glücklicher Weise trägt man doch die Zuversicht in sich, dass eine solche Thätigkeit nicht verloren ist, wenn sie auch im Augenblicke ihre Wirkung nicht thut; und dann hat die gute Natur dafür gesorgt, dass der Apfelbaum nicht anders kann und doch wieder Aepfel trägt, wenn ihm auch der Lenzfrost die besten Blumen versengte.

Sie sollten auch auf andere Weise zu wirken suchen als in Büchern; Journale und Zeitschriften sind einmal an der Tagesordnung und dringen hin, wo Bücher nicht hinkommen. Wie wär’s, wenn Sie hie und da etwas für die Beilage der Allgemeinen Zeitung schrieben? Ich weiss wohl, was sich gegen dieselbe sagen lässt; aber es ist doch noch das einzige Organ, das ernstere Arbeiten zur Kenntniss eines grösseren Publicums bringt. Ich würde mit Vergnügen den Vermittler machen, da ich sowohl mit der Redaction als mit den Eigenthümern bekannt bin. Seit dem Tode des alten Cotta und des verbissenen Kolb ist auch Manches anders geworden.

Ich hätte grosse Lust, Etwas über Ihr neuestes Buch in die Allgemeine zu schreiben; nur müsste man Ihre ganze philosophische Persönlichkeit dabei in’s rechte Licht stellen und auf Ihre älteren Schriften dabei zurückgreifen. Dazu müsste ich denn freilich Ihr ganzes Werk wieder durchstudiren, und dazu fehlt mir’s im Augenblick an Zeit. Sie selber könnten freilich Ihren Standpunkt im Gegensatze zu unserer ganzen phantasirenden Philosophie am Besten hervorheben; und wenn Sie eine falsche Bescheidenheit unterdrücken, und mir eine Anzahl Notizen an die Hand geben wollten, welche mir meine Arbeit erleichtern könnten, so würde ich dieselbe wohl unternehmen. Von Nutzen nicht nur für Ihre Person, woran Ihnen weniger liegt, aber für die Sache, wäre eine Besprechung gerade in der Allgemeinen Zeitung jedenfalls. Es ist Schade, dass man nicht von seinen Renten leben und nur das mit Musse und Fleiss ausarbeiten kann, was Einem am Herzen liegt.

Wenn Sie z. B. eine tüchtige Kritik des Kuno Fischer’schen Unsinnes schreiben wollten, so wäre dies eine gute That. Es wäre überhaupt heilsam, wenn man in den Sumpf unserer Philosophie einige tüchtige Schläge führte, um die quackenden Fösche aufzuscheuchen. Es wäre ein Geschäft, das Ihnen gar wohl anstünde. Es ist freilich kein ganz angenehmes, sich mit längst Ueberwundenem wieder herumzubeissen; aber es wird doch durch die Aussicht auf eine sichere und unmittelbare Wirkung versüsst.

Ich schicke Ihnen meine Bücher, weil es mir Vergnügen macht, sie in Ihren Händen zu wissen, entbinde Sie jedoch der Verpflichtung, sie zu lesen, da Sie vielleicht Besseres zu thun haben. Wenn Sie mir gelegentlich schreiben wollen, so adressiren Sie Ihren Brief am Besten an meinen Buchhändler Emil Ebner. Mit der Bitte, mich Ihren werthen Damen zu empfehlen, grüsse ich Sie hochachtungsvoll

Ihr
L. Pfau


Aus: Ausgewählte Briefe von und an Ludwig Feuerbach. Hrsg. Von Wilhelm Bolin. Bd. 2. Leipzig 1904, S. 330-331.
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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