Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 11. 8. 1881
Adressat: Conrad Haußmann ("Nic")


Paris , den 11. Aug. 81

Lieber Nic!

Gestern habe ich den Anti-Bismarck wieder aufgenommen und die fünf Nummern werden in ca. acht Tagen aufrücken. Die Ursache der Verzögerung ist allerdings Unwohlsein. Ganz Paris war nur noch ein Backofen; ich hatte in meinem Zimmer des Nachmittags 38-39 Grad C. Natürlich konnte man des Nachts nimmer schlafen und des Tags nimmer denken. In letzter Zeit ist zwar die Temperatur wieder ganz erträglich, manchmal sogar kühl geworden, leider aber hatte mir die Urhitze meine Neuralgie wieder gebracht, die mich ganz duslig im Kopf machte; auch vermehrten alle Versuche zu arbeiten nur meine Schmerzen. Ich kann mir zwar mit Chinin helfen; doch nehm ich dieses nur in Nothfällen; weniger weil es den Magen
etwas ((delabrirt)), als weil es das Gehör schwächt, und ich seit meiner Hirnerschütterung ohnehin an vermehrter Dickohrigkeit leide. Ich ertrug daher die Schmerzen mit der Ruhe des Stoikers, um so mehr als ich dachte, die Wahlschrift, die mir allerdings auf dem Herzen lag, komme bei der Hinausschiebung der Wahlen immer noch früh genug. Da nun aber das verdammte Kopfweh gar nicht weichen wollte, schluckte ich schließlich 1 1/2 Gramm Chinin, das mir nun zwar das Rauschen eines Wasserfalls in die Ohren gesetzt, aber dafür die Schmerzen vertrieben hat.

Was nun Eure Feuilleton-Schmerzen betrifft, so bin ich selbstverständlich zu allem bereit, nur will ich Eurer Einsicht folgende Bemerkungen unterbreiten: Für's erste scheint mir, daß Ihr
doch nicht ewig und einzig von Erckmann-Chatrian leben könnt, und daß zur Unterbrechung nun einmal etwas anderes kommen sollte. Ohnehin habt Ihr, wenn Ihr ihn auf  e i n e m  Sitz aufzehrt, nachher gar nichts mehr, und zwei Jahre Chatrian scheint mir vorerst aller Ehren werth. Aber abgesehen davon hätte ein Besuch von mir den versprochenen deutschen Michel um keinen Tag beschleunigt, und sobald er gedruckt ist, erfahre ich es sofort. Ich dachte den Verfasser mit einem Ex. seiner übersetzten Bauerngeschichte wieder
zu besuchen und dann weiteres mit ihm zu besprechen. Dagegen, wenn Noth am Mann geht, so läßt sich immer noch etwas aus dem Chatrian'schen Schatzgewölbe fischen. Schickt mir nur noch einmal die Liste der Erzählungen, die bereits im 'Beobachter' erschienen sind. Dein Papa hat sie mir zwar schon vor zwei Jahren geschickt, aber ich habe sie so gut aufgehoben, daß ich sie nimmer finde. Des Weiteren erscheint gegenwärtig eine Erzählung der beiden Verfasser in einem kleinen Unterhaltungsblatt; ich habe sie aber noch nicht gelesen; vielleicht ist sie brauchbar. Also kurz! wenn fortgeerckmannt werden soll, so werde ich Euch einen Band schicken und die Ermächtigung beim Verfasser holen.

Im Übrigen könntet Ihr Euch einmal mit Curti ins Vernehmen setzen, die 'Züricher Post', die auch nicht auf Millionärsfüßen wandelt, hat - oder hatte vielmehr, da ich sie in letzter Zeit
nicht zu Gesicht bekam; aber es wird sich das wohl nicht geändert haben - immer recht ordentliche deutsche Novellen, und er könnte Euch entweder die Quellen angeben, oder im Fall er mit den Verfassern übereinkommt, auch für den 'Beobachter' stipuliren, der so vielleicht mit einem blauen Finanzauge davonkäme.

Andererseits bin ich überzeugt, daß in den alten Almanachen, Unterhaltungsblättern, in den alten Abend- und Morgenblättern ect., Massen von kleinen brauchbaren Erzählungen aufgehäuft sind, die längst in die Domäne ((publio)) fielen, und die, total verschollen, nur auszugraben und etwas abzustäuben wären, um das vortrefflichste Lesefutter zu geben, ebenso gut und oft noch besser als die courante Waare, die heute geliefert wird. Vollmer ist ja ein Grübler und Stierer, der könnte sich da ein Verdienst erwerben. Überlegt Euch die beiden Punkte einmal.

Ich habe Dir seiner Zeit die Titel meiner fünf Abtheilungen Wahlschrift geschrieben. 1) Legitimismus, 2) Konstitutionalismus, 3) Cäsarismus; der 4 te war glaub' ich Liberalismus und den 5. habe ich vergessen. Falls Du den Brief noch hast, schreib mir die beiden letzten Titel. Ich hoffe, daß Deine Befürchtung in betreff meiner Philosophie sich nicht erfüllen wird, denn ich habe inzwischen daran fortgearbeitet und bin nun zum definitiven Abschluß gekommen. Habe ich Euch schon einmal den Grundriß des Systems gezeigt? Den Lübke habe ich durch den Korrespondenten der 'Frkf. Ztg.' als sein Fabrikat schicken lassen. Sie wollten aber auch nicht anbeißen - ein Mann in Amt und Würde!

Viel Vergnügen für Arbon. Ich wollte, ich wäre bei Euch. - Levi (( ... )) angerückt.

Herzliche Grüße
LP.


Stadtarchiv Stuttgart
NL Haußmann Nr. 42/25
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


Erläuterungen:


© 2013 by Günther Emig. Alle Rechte dieser Edition vorbehalten! Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.