Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 3. 9. 1881
Adressat: Friedrich Haußmann


Paris, den 3. Sept. 1881

L. H. Hab ich mirs doch gedacht, daß Ihr mit dem Censurstift kommen werdet, demoralisirt wie Ihr seid durch eine Preßsklaverei, die von "könnte, dürfte, möchte" lebt. Nur nicht
gleich gruseln wegen eines lauten Worts! - Doch Spaß beiseit:

Veränderungen von wegen des Justizdrachen verstehen sich von selbst, obwohl ich glaube, mich möglichst sachlich gehalten zu haben.

Etwelche umgekehrte Komplimente an die Adresse der Preußen mögen wegfallen: Die Grobheit ist nicht prinzipieller Natur und daher nicht absolut nothwendig, aber doch manchmal sehr am Platze, und deBhalb sachte!

Einigen Ausdrücken, die zu sehr an die hiesige Preßfreiheit gemahnen, an die ich nun seit drei Jahren gewöhnt bin, mögen Glacéhandschuhe verabreicht werden.

Dagegen protestire ich gegen zwei Punkte:

1) daß Ihr die Artikel, um sie 'wahlschriftlicher' zu machen, ihres spezifisch logisch-prinzipiellen Charakters entkleidet; und

2) daß Ihr aus allzugroßer Rücksicht gegen die schwarze Bande meine Deduktionen verhunzt.

Ihr habt eine obligate Wahlpauke von mir erwartet, und statt dessen eine ernsthafte Prinzipienschrift erhalten; nun seht Ihr das Ding schief an und laBt Euch aus dem richtigen Concept bringen. Ihr wollt nun den Apfel, den ich Euch sandte, in eine Birne umschnitzeln, würdet aber nichts damit erreichen, als den Apfel zu verderben, ohne eine Birne zu bekommen.  Einem Ding, das einen bestimmten Charakter hat, muß man ihn lassen.

Ich habe Euch von vorn herein geschrieben, daß ich keine  e i g e n t l i c h e  W a h l s c h r i f t ,  sondern eine Vorbereitungs- und Aufklärungsschrift schreibe. Auf diesem Standpunkt steht meine ganze Arbeit, und Ihr könnt mir nicht zumuthen, daß ich denselben verleugne, ich darf vielmehr von Euch verlangen, daß Ihr ihn acceptirt. Ich wollte eine Art kurzgefaßter und  v e r h ä l t n i ß m ä ß i g  populärer Doktrin der Demokratie, gestützt auf die Kritik ihrer Gegensätze, schreiben; einen kleinen etwas methodisch begründeten Leitfaden unserer Politik, der die Partei über ihr eigenes Wollen und Sollen klarer macht, und ihr zugleich als Werkzeug und Waffe bei ihren Diskussionen und Kämpfen mit den
Gegnern dient. Die Wahl war mir mehr eine Gelegenheit, dem Ganzen eine weniger pedantische, zufälligere Form und eine größere Verbreitung zu geben. Obwohl die eingehende Kritik der ganzen Bismarck'schen Politik, die sie enthält, sicherlich auch für den Wahlakt nicht ohne Werth und die Verbreitung einer solchen nicht ephemeren und in zehn Jahren noch ebenso brauchbaren Schrift gewiß ersprießlicher und fortwirkender ist als das Ausgeben einer gewöhnlichen Wahlpauke. Mir schien einmal - ganz objektiv und abgesehen von dem vorliegenden Opus - ein solches Unternehmen so nicht nur schwieriger, sondern auch nützlicher und verdienstlicher zu sein als ein richtiger Wahlaufruf, an welchen ohnehin kein Mangel
sein wird.

Was die Pfaffen betrifft, so weißt Du wohl, daß das der einzige Punkt ist, in dem ich mit dem 'Beobachter' nie einverstanden war. Meine Demokratie ist nicht die kleine, concrete, lokale Partei Württembergs, sondern die große, prinzipielle, allgemeine Wahrheit freien Volksthums. Es ist mir ganz wurst, ob ein oder zwei Demokraten mehr in den Reichstag kommen - die binden die Butter auch nicht; aber es liegt mir daran, daß eine wachsende demokratische Phalanx zu klarer Einsicht gelange und, auf festen Vernunftgründen fußend, einen unerschütterlichen Kern bilde. Ich habe vielleicht Unrecht; aber das ist einmal mein auf meiner ganzen Anschauungsweise beruhender Standpunkt, den ich 'in diesem
Leben' nicht mehr ändern werde.

Ich bin daher mit Nac's Kritik des "Legitimismus'' durchaus nicht einverstanden, und zwar nicht aus subjektiven, sondern aus objektiven Gründen. Nicht als ob mir soviel an dem Artikel an
sich läge; ihn allein würde ich, wenn er Euch nicht genehm wäre, einfach in den Ofen schieben. Aber er ist der Theil eines  G a n z e n ,  und gerade der grundlegende Theil der  a c h t ,  die noch hinter ihm kommen. Er kann also, ohne Präjudiz wie die übrigen, schon etwas mehr Abstraction vertragen, um so mehr, als er sie nöthig hat. Er ist weit weniger für sich selber als für die andern geschrieben, und als solcher sagt er, was er zu sagen hat. Wenn man die Gegensätze zweier Weltanschauungen in ein paar knappe Phrasen zusammenfassen
muß, so können dieselben freilich einer gewissen begrifflichen Strenge und logischen 'Schwere' nicht entgehen; aber die Weise, in der ich den abstrakten Inhalt in ein paar allgemein
menschliche Formeln brachte, scheint mir keineswegs mißlungen. Wenigstens habe ich hundertmal so lang darüber nachgedacht als Nac - womit ihm übrigens das volle Recht der Kritik durchaus nicht geschmälert sein soll. Im Grunde beklagt er sich, daß - wie das französische Sprichwort sagt - die Braut zu schön sei. Hoffentlich wird er es einmal bei der seinigen nicht so machen, obwohl ich ihm guten Grund hierzu von Herzen gönnte.

Im übrigen habe ich die Schrift nicht für die untersten zehntausend Esel geschrieben, sondern für diejenigen, welche einige Denk-Lust und Fähigkeit besitzen; und daran wird es wohl in den Städten und Städtchen auch ein paar tausend geben. Auch muß man den Leuten nicht allzuwenig zumuthen, um so mehr, als die etwas Hirndickeren über das weglesen, was sie nicht verstehen, und sich an das halten, was sie kapiren, und dessen ist genug darin.

Ich habe in der Correctur alles, was man als direkten Angriff auf die Kirche hätte ansehen können, rausgestrichen oder in Baumwolle gewickelt. Das übrige ist rein objektive, historrisch-
philosophische, thatsächlich begründete Darstellung, und es wäre mir ärgerlich, wenn Ihr mir das verballhorntet. Hin- und hercorrespondiren kann man nicht, aber Ihr könnt mir die Fahnen statt vor, nach Eurer Correctur schicken, dann kann ich mich wenigstens mit Gegenvorschlägen einigermaßen wehren. Denn mich in der Hand einer unsichtbaren Vorsehung zu wissen, war mir immer eine fatale Idee - und nun auch gar noch fünf Vorsehungen! Hoffentlich werden sie untereinander Händel bekommen.

Vorgestern habe ich noch an Deine Stuttgarter Adresse Nro. V u. VI geschickt. Mayer wird sie wohl erhalten haben, obwohl sie recommandirt waren. Heute habe ich Nro. VIII abgeschickt. Nro. VII u. IX sind noch en ((sonffrance)), werden aber, bis die andern in Gang sind, folgen.

Nie und Nac werden mich entschuldigen, wenn ich auf ihre freundlichen Briefe nicht, wie ich es im Sinn hatte, extra antworte. Der ganze Bismarck'sche Staatssozialismus liegt mir überzwerch im Magen. Sie werden zufrieden sein, wenn ich ihnen von Herzen danke und sage, daß sie ihren Zweck vollständig erreichen, indem mir ihre unerwarteten Briefe, und zwar aus den von ihnen vorgeahnten Gründen, eine große Freude machten. Der Geburtstagsjubel vergeht einem zwar, namentlich am sechzigsten; aber die Erinnerung lieber Menschen hängt nicht an Raum und Zeit, und die Freundschaft der Jungen steigt mehr und mehr im Preis, je mehr die Alten abfallen, und leider oft nicht nur physisch.

Die Notizen brauche ich nicht mehr; Dein Pack "Kulturkampf" hatte nichts Concretes enthalten, so daß ich zwei Tage in Paris umherlaufen mußte, um die "Maigesetze'' aufzutreiben.

Im Ganzen bin ich in der Hand von Euch Bismärcken und kann mich nicht wehren, machts also gnädig.

Herzliche Grüße an alle, Tante Billa und die anderen in Arbon anwesenden Freunde nicht zu vergessen.

Dein LP.


Stadtarchiv Stuttgart
NL Haußmann Nr. 42/28
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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