Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 24. 2. 1868
Adressat: Julius Haußmann


Dresden, 24./2. 68
gr. Schießg.4.IV

Hochverehrter Freund!

Interessant und schmerzlich genug waren mir die nun beendigten Kämpfe des,württembergischen Landtags. Gerade daß die Entscheidung fort und fort auf der Kippe stand, daß es bei jeder Frage möglich schien (obgleich ich es nach der ersten Entscheidung in der BUndnißfrage nie für wahrscheinlich gehalten habe), die preußische Partei zu schlagen, die immer erneuerte und immer getäuschte Hoffnung der Opposition - das war mir das Schmerzliche an der Sache. Aber der württembergische Landtag, obwohl unter überwiegend gouvernementalen (( ....... )) zustande gekommen, hat doch wenigstens auch in einem Theile dieser conservativen Männer selbständiges Wollen gezeigt. Es ((brauchte)) nicht jenen
einschlägigen absoluten Ministerialismus, wie ihn der bayerisch-badische und - des letzteren ehemaliger Genosse im Freiheitskampf - der sächsische Landtag zur Schau trugen. Schwaben ist das einzige politische Land, wo die  d e r z e i t  agirenden poli ti~schen Männer noch Charakter zeigen, den Varnbüler nicht ausgeschlossen, den ich trotz ebenden und alledem nicht mit Hohenlohe, ((Malsche)) (( etc. )) in eine Linie stellen mag. Den Mann bestimmen andere als verwandtschaftliche Rücksichten. Mag er egoistische Pläne mitverfolgen, so thut er's gewiß nicht im Kleinen. Dazu ist er zu ehrgeizig. Mir scheint er etwas von ((Bertichen)) an sich zu haben. Und wenn er jetzt rüstet bis an die Zähne, so mag er sich der Verpflichtungen gegen Preußen bedienen, um seinen Willen durchzusetzen. Daß er mit dieser Armee weiter nichts im Sinne habe, als preußische Siege vergrößern zu helfen, das glaube ich schon
lange nicht. Zwingen kann ihn niemand. So wird er die Gelegenheit abpassen und - sich dahin schlagen, wo für Württemberg am meisten zu holen ist. Die Kundgebung gegen den Nordbund sollte mit Preußen abgekartet sein, möglich, daß es aus Vorsicht geschehen ist. Die letzte Thronrede war es sicher nicht,  d e n n  d i e  P r e u ß e n  h a b e n  s i e  d u r c h i h r e T e l e g r a p h e n b u r e a u x  v o l l k o m m e n  e n t s t e l l t  v e r b r e i t e t .  Recapitulire ich dazudie Haltung Preußens gegen Pfordten u. Varnbüler nach dem
Kriege, so finde ich, daß dieselben Versicherungen der beiden Männer in Berlin  d a m a l s  sehr verschieden aufgenommen wurden. Trotz des Friedens wurde sichtlich an Varnbüler Rache gearbeitet; man schmimpfte auf ihn in allen Tonarten, heftiger als gegen irgend einen der Mittelstaatlichen Minister; ich schloß daraus, daß er unter diesen der beste sein müsse, daß er der Gescheiteste ist, hat er bewiesen durch seinen Verfassungsentwurf, der der Forderung der Zeit wenigstens nicht absolut Hohn sprach, wie es der dem sächsischen Landtag vorgelegte thut. Aus Rücksicht auf Preußen die Militärleistungen des Landes hinaufschrauben, wäre aber kein Zeichen von Gescheitheit. Es liegt ja auf flacher Hand, daß es erst noch einen Kampf setzen wird und vielleicht nicht bloß einen - ehe man wissen wird, wer in Süddeutschland Herr ist. Zum Abwarten braucht man auch keine große Armee. Ich muthmaß also, es handelt sich ums Zugreifen. Das ist freilich dynastisch, nicht freiheitlich gehandelt. Nur das letztere erwarte ich auch von Ihrem Premier nicht, der ein gut Stück württembergischen Bismarck in sich zu haben scheint. Aber eben deswegen glaube ich bis auf diese Stunde noch nicht daran, daß er bloß ein Werkzeug des preussischen sei.

Da allem Anschein nach die auswärtige Politik bald die allein regierende sein wird, so ist es sehr wichtig für das Volk, über die eventuelle Haltung derjenigen, welche die Volksmittel in den Händen haben, ein richtiges Urtheil zu erlangen. Bei uns liegen die Machtmittel in fremden Händen. Wie diese die Dinge lenken werden, darüber brauchen wir uns kein Kopfzerbrechen zu machen. Ein York ist schwerlich in unserer Armee, sowenig als ein Stein im Rathe. Aber das lebendige Material scheint trotzdem in Berlin nicht unverdächtig. Das  N i e d e r e  Volk hat wunderbar stand gehalten. Der Adel, die Bourgoisie, neigen nach Verwandtschaft, Herkunft, Interessen halb zu Bismarck. Die 'Sächsische Partei' ist von einer so fabelhaften Beschränktheit, daß sie der Sache, die sie halten will, mehr und mehr ((dies ......... )). Die 'Demokratische Partei' hat weder in ihrem Personal noch in ihrer Taktik etwas mit der Sächsischen Partei gemein. Sie ist die einzige einigermaßen geordnete Schar, die gegen Bismarck  k ä m p f t .  Aber sie würde dazu nicht im Stande sein, wenn sie sich nicht vor einem Jahre mit allen noch übrig gebliebenen Kräften in die Wahlen geworfen hätte. Die Demokratische Partei hat bei uns ihre Ränke wesentlich in den  A r b e i t e r n .  Daß diese die Gelegenheit, sich zum erstenmale in dem ihnen dargebotenen Wahlkreise zu versuchen, von der Hand erreichen würde, war nicht zu erwarten. Hätten wir uns nicht an ihre Spitze gestellt, so hätten es Bismarck'sche Agenten a la Schweiger gethan. Ich weiß nicht, wie es in dieser Beziehung bei Ihnen steht. Die Württembergische Arbeiterwelt ist uns bis zur
Stunde noch ein verschlossenes Buch, wie es die ((öster))reichische bis vor wenigen Monaten war. Wohl organisirt sind die Leute, das beweist die Art, wie (((sie ))) ihr separates Organ halten. Offen gestanden - ich bin nicht ohne Sorge darüber, wie sich eine solche compakte Bürgerschaft, von der Führung der Volkspartei ((verdrossen)), benehmen wird. Auf die Massen übten sie vielleicht keinen Einfluß. Aber wenn sie zu der ihr besonders schwer fallenden Enthaltung sich nicht entschließen kann, wenn sie wählt und zu diesem Ende sich Führer hernimmt, wo sie sich ihr darbieten - nach meinen Erfahrungen dürfte es hinterher mehr als schwer halten, solche unberechenbaren Einflüsse wieder zu conterbalanciren.

Sie haben sich meines Wissens ((allezeit)) für das Nichtwählen ausgesprochen. Neuerdings scheinen mehrere Parteigenossen sich der entgegengesetzten Einsicht zuzuneigen. Glauben Sie ja nicht, daß ich über diese uns hier zustimmende Erklärung sonderlich erfreut bin. Was wir von Berlin zu erwarten haben, darüber sind wir ja alle einig. Die Frage ist durchaus eine Frage der Tactik, und die Tactik setzt geschlossenes Handeln voraus. Je mehr diese Geschlossenheit aufhört, desto weniger kann überhaupt von Tactik resp. von Partei (denn nicht die bloße Prinzipiengemeinschaft, sondern das Zusammenhandeln macht die Partei) die Rede sein. Ich befürchte von dem Entschlusse des Nichtwählens Trennung eines guten
Theils der Armee von den Führern. Fangen auch die letzteren an, sich von einander zu trennen, so wird von Partei bald keine Rede mehr sein. Ich nehme das gar nicht so leicht, daß - wie man sagt - im Ziele ja alle einig, nur über die Mittel und Wege die Meinungen verschieden seien. In den letzteren bewegt sich die praktische Politik. Es dreht sich alles darum, daß man auf diesem Felde einig sei, und wenn, wie leider der Fall, mit uns in dem ((gesteckten Haltepunkte)) der Volkspartei Divergenzen eingetreten sind, so ist es von höchster Wichtigkeit, daß diese aufs engste begrenzt werden. Das Hineingehen eines Theils in parlamentarische Verhandlungen, denen ein anderer fern bleibt, ist allemal mit großen Gefahren fUr das fernere Zusammenwirken verbunden. Die Hineingehenden werden von neuen Personalgruppirungen angezogen und dadurch den Draußenbleibenden einf. mehr und mehr entfremdet. Es ist also meines Dafürhaltens höchst wünschenswerth, daß in einer nach Beendigung der Wahlen abzuhaltenden Zusammenkunft der Hauptvertreter der Partei der künftige gemeinsame Operationsplan festgestellt und damit die Zusammengehörigkeit neu fixirt werde, ehe die Anziehungskräfte gefestigter Gruppirungen auf die Losgelösten
ihre Wirkung äußern. (( Naumann, Eisenstädt, Schaffrath )) waren wahrlich nicht die Wetterwendischsten, und nun sehen Sie, was aus ihnen geworden ist. Erwägen Sie freundlichst die Sache und lassen sie mich bald gefälligst Ihre Meinung wissen.

Mit besten Wünschen und Grüßen
Ihr ganz ergebenster
Pfau


Stadtarchiv Stuttgart
NL Haußmann Nr. 16
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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