Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 6. 3. 1855
Adressat: Cotta


Douai, den 6. März 1855

Euer Wohlgeboren

Ist es vielleicht bekannt, daß ich im Spätjahre 1847 eine Sammlung Gedichte bei Sauerländer in Frankfurt erscheinen ließ. Diese Sammlung, obwohl sie von der Kritik im allgemeinen und namentlich von Männern wie Vischer, Strauß und Mörike sehr günstig beurtheilt wurde, mußte natürlich in den kurz nach ihrem Erscheinen erfolgten Ereignissen von 1848 untergehen. Ich selbst hatte sie mehrere Jahre lang vergessen, und als ich sie später wieder zur Hand nahm, fand ich, daß vieles darin auszusondern und zu verändern wäre, um mich selbst zufrieden zu stellen. So war ich weit entfernt, irgend etwas zur Verbreitung dieser Sammlung beizutragen, die ich später durch eine umgearbeitete und vermehrte Ausgabe ersetzen wollte.  Diese Arbeit ist nun vollendet und ich habe ein druckfertiges Manuscript, das nur circa 1/3 der früheren Sammlung enthält. Alles Übrige ist neu und mit dem größten Fleiße gesichtet und durchgearbeitet. Alles Politische ist daraus entfernt, um der Einheit des Buches sowie seiner Verbreitung keinen Eintrag zu thun. Mit Herrn Sauerländer habe ich mich wegen Herausgabe dieser neuen Sammlung geeinigt und das Urtheil competenter Kritiker läßt mich glauben, daß diese neue Ausgabe eine nicht ganz ungünstige Aufnahme vom Publikum zu erwarten hätte.

Zum Druck des Manuscripts entschlossen, dachte ich zuerst an Ihren Verlag, getrieben von dem natürlichen Wunsche, mich in Gesellschaft so mancher mir werther Landsleute zu befinden, denen ich, wie ich hoffe, keine Unehre machen würde. Ich hätte mir vielleicht diesen Brief ersparen können, da ich die Hindernisse, die sich meinem Wunsche  entgegenstellen, durch eigene Erfahrungen und durch die Mittheilungen meiner Freunde hinlänglich kennengelernt habe. Früher mit dem Morgenblatte in Verbindung, wurde seit meiner unfreiwilligen Entfernung aus dem Vaterlande jeder, auch der unschuldigste Artikel von mir - nicht offen zurückgewiesen - sondern unter Versprechungen zurückbehalten und zum Papierkorb verdammt. Daraus könnte ich den folgerichtigen Schluß ziehen, daß der Cotta'sche Verlag mit Leuten unseres Gelichters überhaupt nichts zu schaffen haben will, wenn nicht Freiligrath und Kinkel dagegen zeugten.

Dem sei, wie ihm wolle - ich habe mir vorgenommen, wie man hier zu Lande sagt: d'en avoir le coeur net, und die Sache ohne Umschweife zu behandeln. Nach einer 6jährigen Entfernung aus Deutschland kann ich mir keine klare Vorstellung machen, warum man uns Verbannten, denen man im Grunde nur die allgemeine Schuld aufgeladen hat, mit einer so beharrlichen Feindschaft entgegentritt, selbst da, wo es sich um die unschuldigste literarische Beschäftigung handelt. Ich gl aube, daß alle Parteien, sollten sie auch nichts vergessen haben, doch viel hätten lernen können, und daß es an der Zeit wäre, diese engherzige Ausschließlichkeit aufzugeben und den Krieg nicht unter den Soldaten fortzusetzen, wenn ein Waffenstillstand zwischen den Heeren geschlossen wird. Kurz!, ich glaube, daß ein solches Verfahren weder human noch politisch ist, und daß es einer Buchhandlung von der literarischen Bedeutung der Cotta'schen gleichfalls würdiger wäre, den Verbannten auf neutralem Boden die Hand zu reichen, statt sie vornehm zur ückzuweisen.

Das Manuscript habe ich nicht an Sie abgeschickt, weil ich wohl weiß, daß Ihr Entschluß weniger von diesem als von anderen Umständen abhängt. Übrigens können Sie sich über den poetischen Wert h der Gedichte bei Eduard Mörike erkundigen. Die Honorarfrage wäre kein Hinderniß, da ich dieselbe ganz Ihnen anheimstellen würde.

Mit dem Ersuchen , beiliegende Zeilen der Redaktion des Morgenblatts gefälligst zustellen zu wollen, empfehle ich mich Ihnen

Hochachtungsvoll
L. Pfau
30.Rue Bellain à Douai (Nord)


Deutsches Literaturarchiv Marbach
Sign.: Cotta Br.
Nr.: Z 3472/3
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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