Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 25. 1. 1848
Adressat: Berthold Auerbach


Stuttgart, den 25. Jan. 48

Mein lieber Auerbach!

Wie lange schon nahm ich mir vor, Ihnen Ihren freundl. Brief zu beantworten! Wenn mich aber zuerst der Eulenspiegel sehr in Anspruch nahm, da bei der Gründung eines auch noch so kleinen Blattes doch so manches zur Sprache kommt, so wurde ich nachher krank und mußte einige Wochen das Bett hüten, was mich wieder zurückbrachte. So müssen Sie eben meine Saumseligkeit entschuldigen u. dürfen glauben, daß ich in Gedanken oft in Heidelberg und bei Ihnen war, was mir immer wie das gelobte Land vor Augen schwebt.

Für die guten Ermahnungen des alten Gardisten an den jungen Rekruten danke ich herzlich. Sie dürfen übrigens keine Angst in der Beziehung um mich haben. Um das Geschrei links oder rechts kümmere ich mich nichts. Hier lege ich den Werth mehr auf die bestimmt ausgesprochene Tendenz, auf den bombenfesten Charakter, als auf das Aesthetische. Ich habe auch immer gefunden, daß sogar ersteres ohne letzteres, das letztere aber nie ohne das erstere auf das Volk wirkt. Mit dem Fortgang des Eulenspiegel habe ich alle Ursache, zufrieden zu sein. Er ist in Württemberg schon ganz populär geworden in dieser kurzen Zeit. Täglich mehren sich die Abonnenten. Der Graf schickt seine Bedienten und abonniert, da abonniert sich der Bediente gleich mit. Aus den Druckereien kommt der Setzer, der Drucker u. der Raddreher und abonnieren sich. Das freut mich gerade, daß das Volk so zugreift, u. ich kann Sie versichern, die Kerl verstehen die politischen Anspielungen besser als unsre noble Stuttgarter Gesellschaft. Das ist ein Zeichen der Zeit. Die Untern fangen an, die Obern zu überflügeln. Mein Censor versteht die Sachen nicht, sonst ließ er sie nicht durch. Ich soll ihm allemal erklären, was die Sachen bedeuten. Sie sehen doch, was der Schwabe, selbst als Censor, für ein gemüthliches Thier ist. Der Eulenspiegel macht mir Freude; erstens, weil das Volk begierig danach greift, und zweitens, weil ich in dieser Zeit, die aller Handlung bar ist, doch wenigstens ein bißchen draufhauen kann. Ich bin ein Kind des Volks und das will ich bleiben, und die vornehmen Canaillen will ich zobeln, wo ich kann. So lang uns die Censur nicht arger schekaniert, bin ich schon zufrieden.

Ich meine, so ein paar kleine humoristische oder tendenziöse Erzählungen könnten Sie mir wohl für den Eulenspiegel schicken. Ihr Gevattersmann wird doch nicht alle Brosamlein, die von des Reichen Tische fallen, auffressen, der Hungerleider. Sie verstehen ja wohl, daß es mit Ihren Beiträgen nicht quantitativ, sondern nur qualitativ gemeint ist. Nur Ihr Name soll dem Eulenspiegel ein wenig Respekt verschaffen. Wenn der alte Gardist dem jungen Rekruten einigen guten Rath gibt, so ist das schon recht, aber er muß ihm auch zur Noth ein paar Schluck aus seiner Schnapsflasche geben, wenn der junge ermatten will, sonst soll den alten der Kuckuck holen.

In Sachen des Schulmeisters von Neckar((gartach)) ist bis jetzt noch nichts geschehen, war auch nichts möglich. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben u. ich freue mich recht ... (((Brief ist hier eingerissen)))

Den Eulenspiegel werden Sie wahrscheinlich auf dem Heidelberger Museum zu sehen bekommen, sonst hätt ich Ihnen auch die folgenden Nummern geschickt. Aber mit der Post kostet es zu viel u. mit dem Buchhandel geht es so langsam.

Sie haben ja einen ärgerlichen Handel mit der ((Birch)) - Pfeiffer. Wenn Sie nichts dagegen haben, will ichs im Eulenspiegel bringen, wie Ihnen der (( Buch )) - Pfeiffer so à la (( Beutelschneider )) ein Stück aus dem Fräklein schneidet und Sie erbärmlich dabei schreien; oder sowas schreiben Sie mir hierüber; denn wenn Sie zu lange nicht schreiben, so bring ichs.

Apropos: Sie haben mir einmal versprochen, etwas über die armen Teufel, meine Gedichte, zu schreiben, die gerade in das für die Poesie so schlimme Jahr 1847 gefallen sind, (weil die Völker sich einfallen ließen, die Poesie lebendig zu betreiben) u. das kann ich Ihnen nicht erlassen. Die armen Kinder fahren so ohne Sang und Klang aus der Welt, daß ihnen nicht einmal eine mitleidige Seele ein Vergißmeinicht aufs Grab setzen will und das ist doch traurig.

Ich sehe, daß mein Papier voll und meine Zeit (( gar )) wird. Ich schließe deßhalb, indem ich Sie bitte, Ihre liebe Frau freundlichst von mir zu grüßen. Lassen Sie bald von sich hören und seien Sie herzlich gegrüßt von

Ihrem
L. Pfau


Deutsches Literaturarchiv Marbach
Sign.: A: Auerbach
Nr.: Z 3472/2
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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