Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 3. 9. 1891
Adressat: Ida Schlesinger


Stuttgart den 3. Sept. 1891

Lieber Racker!

In der Hoffnung, daß Du das Prädikat 'lieber' immer mehr und den Titel 'Racker' immer weniger verdienen wirst, 'ergreife' auch ich 'die Feder', um Dir zu antworten. Obwohl ich allerdings 'Wichtigeres' oder wenigstens Nothwendigeres zu thun hätte, indem ich von allen Gratulationsbriefen noch nicht einen einzigen beantwortete. Dazu hat ein kleiner Unfall beigetragen, der mir zugestoßen ist; ich wurde nämlich in einem Haus der Christophstraße, in welches ich wohnungssuchend eindrang, von einem Hunde angefallen, der mir die rechte Wange fingerslang aufriß, so daß sie wieder zusammengeflickt werden mußte. Soeben wurden von Oberstabsarzt Stall die Fäden wieder herausgezogen, der, als in der Nähe befindlich, gerufen worden war. Es heilt aber prächtig, und bis Du wieder hieherkommst, und der Bart wieder darüber gewachsen ist, wirst Du nichts mehr davon sehen.

Über den schnellen Hingang Deines Freundes Stoll wirst Du Dich auch gewundert haben. Er starb an einer Art Herzverknöcherung, der arme Kerl! Diese Krankheit hat man ihm freilich schon längere Zeit angemerkt, auch ohne Arzt zu sein.

Die Wohnungsfrage nähert sich der Erledigung. Ich werde wahrscheinlich die Wohnung der Klara Müller, d. h. ihrer Familie, nehmen, da sich diese eine kleinere suchen will. Sobald ich ausgehen kann, werde ich sie besichtigen.

Die fremden Vögel sind als echte Zugvögel schon wieder vondannen geflogen. Über meine eigenen Ausflüge ist noch nichts bestimmt, daß ich aber das Bankett nicht abhalten lasse, ehe Du wieder da bist, versteht sich von selbst; nur mußt Du nicht über Gebühr ausbleiben.

Was das Geschäft betrifft, so hatte ich natürlich keine Zeit, über all dem Wirrwarr mich viel darin umzusehen, doch glaube ich, daß Du dem Herrn Bernhard Schlesinger das Zutrauen schenken darfst, daß er während Deiner Abwesenheit den Laden ordentlich besorgen wird.

Meine Schwester Marie läßt Dich grüßen, was ich auch thue, mit einem 'papierenen' - Händedruck. Die verschiedenen 'Papiere' werden bei persönlicher Begrüßung natürlich in barer Münze umgetauscht.

Inzwischen beste Wünsche von Deinem
                                    L. P.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - Nr. 27.118 -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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