Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 28. 10. 1887
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 28 . Okt. 87

Liebe Anna!

Gestern ist der von Dir angemeldete Dr. Zinser angerückt, und wir haben einen vergnügten Abend im Hotel Marquart miteinander verbracht. Wir harmoniren vollständig in unseren Ansichten, nur in der Musik möchte sich eine Differenz herausstellen, er ist mehr Wagnerianer als ich. Er ist ein scharmanter Mann, der Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat und dem man es anmerkt, daß er eine Weile über dem großen Bach war, in einem Lande, wo alle die Kleinlichkeiten des deutschen Spießbürgers nicht fortkommen oder wenigstens, wie die Rebläuse den dortigen Trauben, dem frischen, kräftig entfalteten Leben nichts mehr anhaben können. Man sollte alle Deutsche ein paar Jahre lang nach Amerika jagen,
und sie vorher nicht heiraten lassen, damit die Rasse verbessert wird. Frankreich thuts zur Noth auch, wie Du an mir siehst, obwohl ich zur Rasseverbesserung nicht beigetragen habe.

Im übrigen war mir wohl, wieder einmal mit einem Menschen zusammen zu sein; denn sie sterben immer mehr aus, nächstens gibts nur noch Junker und Lieutenants auf der Welt, und Pudel, die ihnen aufwarten. Dr. Zinser ist diesen Morgen weiter gedampft, wird sich aber wohl wieder zeigen.

Von Papenstecher ist es recht liebenswürdig, daß er mich operiren will; wenn ich wieder nach Frankfurt komme , werde ich über Wiesbaden gehen und mich untersuchen lassen. Vor dem Operiren will ich aber meine Bücher vollends vom Halse haben, d. h., wenn solches der Arzt für nötig hält. ( . .. )

( ... ) Grüße Gretel, und sie soll sich augenblicklich operiren lassen.

Wie immer Dein L. P…


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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