Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 15. 3. 1887
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 15. März 87

Liebe Anna!

Nun kehrst Du den Stil um und predigst mir von Pflichten. ( ... )

( ... ) Der geistige Inhalt eines Menschen wird selbstverständlich nicht über Nacht umgewandelt; aber ein anderes ist es, das persönliche Interesse, das man für ideale Dinge hat,
zu bewahren, ein anderes, dieses Interesse zum äußeren Ausdruck zu bringen; und wenn man in Beziehung auf das erste sich gleich bleibt, so können einem die Andern wohl die Lust zum zweiten verleiden.

Das ist eben auch eine Folge des Alters, das einen wie in einem Luftballon allmählich in die Höhe hebt, so daß der ganze irdische Plunder kleiner und kleiner wird, bis einem auch die
eigene Gabe nur noch als ein Pfifferling erscheint.

Heute Abend muß ich in eine Versammlung wegen der Feier von Uhlands hundertjährigem Geburtstag, welche Ende des Monats stattfinden soll. In der Residenz hat sich natürlich Bourgoisie und Beamtenthum der Sache bemächtigt, um die Begeisterung in das Fahrwasser der 'Reichstreue' zu leiten und das Fest so wenig volksthümlich als möglich zu machen. Wir berathschlagen daher, ob sich nicht eine weniger vornehme für die Theilnahme weiterer Kreise geeignete Demonstration daneben ausführen läßt. Wird freilich im gegenwärtigen Augenblick seine Schwierigkeiten haben. Der arme Uhland ist in eine schlechte Zeit gefallen mit seinem hundertjährigen Geburtstag.

Herzliche Grüße von Deinem
                                   L. P…


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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