Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 9. 3. 1887
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 9/2. 87

Liebe Anna!

Du mußt jetzt schon Geduld mit mir haben, wenn ich nicht regelmäßig und nicht viel schreibe. ( ... )

Ich bin innerlich verstimmt, halb körperlich halb geistig, und habe keine Freude an meiner Arbeit. Es scheint mir alles so unnöthig in dieser Narrenwelt, und so gleichgiltig, was man an
diese Bande herz- und hirnloser Philister hinschwatzt, daß ich mich mit Widerwillen von meinen eigenen literarischen Bemühungen abwende. Ich glaube, wenn ich von meinen Renten leben könnte, würde ich den ganzen Plunder in den Ofen schieben und Euer blinkendes Tintenfaß für immer zuklappen.

Vor ein paar Tagen bin ich, im Strauß'schen Voltaire blätternd, wieder auf den Pfarrer  M e s l i e r  gestoßen, der schon vor anderthalb Jahrhunderten ein 'Testament' hinterlassen hat,
ein Glaubens- oder vielmehr ein Unglaubensbekenntniß, von solch klarem antireligiösen, antimonarchischen, (( ... )) und dabei tief philosophischen Inhalt, daß er damals schon weiter war als der Strauß heutzutage, u. daß man nicht begreifen kann, wie solche Schriften fast ohne Wirkung bleiben können.

Ich begreife jetzt zum ersten mal, wie die Leute dazu kommen können, sich zu betrinken, um den ganzen Schlamm einer solchen Existenz wegzuschwemmen. Leider geht mir jedes Talent für diese Art von Humorbeischaffung ab.

Nu! s'ist nur, bis ich mich in meine Ästhetik wieder etwas eingebissen habe, Aber es braucht noch einige Tage. Du weißt, wie es einem zu Muthe ist, wenn man einen verdorbenen Magen hat, so daß einen Speise und Trank anwidert; das ist mein Zustand, nur (( ... )) statt physisch.

Es freut mich, daß Gretel wohl und munter ist und auch Du Dich allmählich in das Unabänderliche fügst. Du hast doch lebendige Pflichten um Dich herum, die Dich zu einer Thätigkeit nöthigen, welche der todte Buchstabe nicht ersetzen kann.

Herzliche Grüße an Dich u. Gretchen von
                                                   D e i n e m L. P…


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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