Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 17. 2. 1887
Adressat: Joseph Stern


Stuttgart 17/2 1887
Gartenstraße 29

Lieber Stern!

Beiliegend sende ich Ihnen einige Exemplare unserer Wahlschrift mit der Bitte, Freund Hörth ein Ex. mit einem schönen Gruße von mir zu übergeben.

Wir werden überall, wo die Volkspartei kandidiert, unsere Plakate am Wahltag mit den Schlußworten versehen:

Wähler!
Fort mit der Knechtspartei!
Stehet zur Rechtspartei!
Wählet (Leopold Sonnemann!)
Name des jeweiligen Kandidaten

Wir möchten den brandmarkenden Namen 'Knechtspartei, Knechtsparteien' für die ganze servile Sippschaft bei der ehrlichen Presse und der freisinnigen Bevölkerung in allgemeineren Gebrauch bringen. Sie könnten mit Hilfe Ihrer Artikel in der 'Frankf. Ztg.' das Ihrige zu/r/ Erreichung dieser löblichen Absicht beitragen. Auch Hörth, insoweit seine Sparte in die deutsche Politik eingreift.

Hoffentlich geht es Ihrer lieben Frau nach Wunsch. Sie soll auch wieder etwas von sich hören lassen. Sie wird freilich jetzt vor allem die arme Frau Anna zu trösten haben, welche der Verlust ihres Vaters, an dem sie so sehr hing, schwer betroffen hat. Haben Sie immerhin die Güte, ihr eines der Ex. zukommen zu lassen. Sie wird sich zwar jetzt nicht viel um Wahlangelegenheiten kümmern, aber ich will sie deßhalb doch nicht übergehen, und ·schließlich ist es doch das beste Mittel gegen den Kummer, seine Aufmerksamkeit wieder allgemeineren Angelegenheiten zuzuwenden.

Hoffentlich werdet Ihr diesmal die Wahl durchdrücken. Bei uns steht alles auf der Messerschneide, so daß man weniger wie je das Resultat voraussehen kann. Es wird von oben mit einem Hochdruck gearbeitet, wie noch nie, und die geängstigte Bourgoisie ist wie des Teufels. Das eigentliche Volk aber, und namentlich auch die Bauern, sind nicht so dumm, wie der Herr Reichskanzler gehofft hat. Es könnte daher wohl geschehen, daß wir unsern Besitzstand erhalten, resp. einen allenfallsigen Verlust durch eine Erwerbung ersetzen. Denn mit Stuttgart wird's diesmal schwer halten; der Archemillionär Siegle übt eine große Anziehungskraft als Goldklumpen. Haußmann dürfte durchlangen; aber Hörle ist sehr bedroht. Mit Payer steht es nicht ungünstug; und Göppingen könnten wir vielleicht für Stuttgart erobern. Dabei rechne ich allerdings darauf, daß die Kriegsangst allgemach verschwindet, und die Situation sich, wie bisher, fortgehend bessert.

Herzliche Grüße an Ihre liebe Frau, den Papa Weiß und Sie selber

                                                     von Ihrem L. Pfau


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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