Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 14. 6. 1887
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 14. Juni 1887

Liebe Anna!

Ich habe mir wohl gedacht, daß Du in Frankenthal mehr Kummer als Erholung einheimsen werdest ; aber hoffentlich wird die Zeit auch kommen, wo die Erinnerung mehr mildernd und erhebend als schmerzlich und niederdrückend auf Dich wirkt, denn die eigentliche Mission des Gedankens ist eine verklärende.

Was Deine Lektüre verschiedener Art betrifft, so kenne ich die Literaturgeschichte von Schwind nicht. Ich bin überhaupt für derartige Werke etwas dickhäutig geworden, weil man gewöhnlich erweiterte Konversations-Lexikon-Artikel darin findet, und mehr äußerliche Phrasen als innerliche Gedanken. Luthmers Artikel habe ich auch nicht gelesen. Er ist nicht ohne Wissen und schreibt auch ganz gut; nur merkt man alsbald, daß seine Ausführungen mehr irgend eine äußerliche Absicht, ein Appell an ein dankbares Publikum zu Grunde liegt als ein wirkliches wärmeres Interesse am Gegenstand. ((Recht oder Pecht)) mag ich nicht; er ist ein noch zehnmal ärgerer Streber als Luthmer, der stets mit dem Wind segelt und sein Steuerruder stets im Fahrwasser des heutigen reichstreuen Pseudopatriotismus hält. Er ist ein oberflächlicher und charakterloser Schwätzer, dem, weil er selber ein - wenn auch schlechter - Maler ist, die ganze technische Terminologie zu Gebot steht - wodurch er bei nicht tiefer Blikkenden für einen Kenner gilt. Bei den Künstlern und Kunstverständigen
hat er aber längst ausgekocht.

( ... ) Ich habe gestern die ersten Korrekturbogen meiner herauszugebenden Schriften erhalten, und werde nicht wohl vom Platz weichen können, bis die zwei ersten Bände erschienen sind. ( ... )

Mit der Rathausaffäre ist es nicht zu Ende - weit entfernt. Der Sieg in der Bürgerversammlung ist noch kein Sieg auf dem Rathaus, wo der Bürgermeister und Gemeinderath, die das Entscheidungs recht haben, gegen uns sind. Da kann nur ein so starker Druck von Seiten der Bürgerschaft helfen, der sie das Durchsetzen ihres Vorsatzes nicht wagen läßt. Deshalb muß man immer fortwühlen. Beiliegend das Flugblatt , das ich armer Teufel verfassen mußte. Der Inhalt, wenn er Dich auch nicht besonders interessiert, wird Dir wenigstens zeigen, welche Masse an Material dazu beizuschaffen und durchzustudiren war. Die Sache ist gerade nicht erfreulich; aber der Kampf gegen eine gewaltthätige Bureaukratie hat immerhin sein Anregendes.

( . . . )

Herzliche Grüße an Dich u . die Deinen von
                                                          Deinem L. P…


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


Erläuterungen:


© 2013 by Günther Emig. Alle Rechte dieser Edition vorbehalten! Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.