Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 16. 11. 1886
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 16/11 86

(Vor Empfang Deiner Zeilen geschrieben)

Hoffentlich bist Du mit beruhigten Sorgen von Frkthl. zurückgekehrt, liebe Anna, und hast Deinen Papa in einem Zustand verlassen, der Dich nicht hindert, bei Gretchen Deine altgewohnten Samariterdienste zu üben. Ich habe heute den ganzen Tag daran gedacht, ob wohl die Operation vor sich gegangen, und erwarte mit Unruhe ein paar Zeilen von Dir über Verlauf und Ergebniß derselben. Es ist unbegreiflich, daß Mann und Vater die Sache so lange sich hinschleppen ließen; die könnten wohl ein paar Tropfen Hexenblut von Dir brauchen.

Das beste wäre wohl, Gretchen ließe sich auswärts pflegen, im Hause hätte sie doch die nöthige Ruhe nicht. Auch Du darfst sie nicht zu sehr mit Freundesdiensten aufregen. Ruhe ist die erste Bedingung.

Ich habe so viel auf dem Halse heute, daß ich die Wahrheit des obigen Satzes, an mir selber spüre, sogar beim Briefschreiben, und wenn ich nicht Deinen Tag einhalten wollte, so würde ich diese Zeilen auf morgen verschieben und mich heute mit den Gedanken an Dich begnügen, denn es prickelt mir im Kopf vor Ungeduld. Fürs erste soll ich flugs an Lindau schreiben und ihm eine Arbeit von Dr. Wilhelm Vollmer für sein »Nord und Süd« antragen, da der arme Verfasser, vom Schlag getroffen, elend daliegt und für den Augenblick nichts für sich selber thun kann. Dann soll ich in dem Kampfe ums Rathhaus einen Artikel schreiben, der morgen in der Zeitung abgeliefert werden soll, und um den mich das ((Faktotum)) des Rathhaus-Comites quält,wie der Teufel eine arme Seele um eine Sünde. Und neben mir liegen ein halbes hundert Fetzen verschiedener Maler- und Bilder-Artikel, in die ich Ärmster Ordnung und Einheit bringen soll, und die mir höhnisch eine Nase drehen, so oft ich wieder an etwas anderes gehe und den Faden des coordinirenden Ideengangs wieder abreiße. Du siehst, daß auch allerhand an mir zupft und zerrt, und wenn ich wieder einmal eine Stunde bei Dir sitzen und den ganzen Plunder einstweilen rückwärts über die Achsel schmeißen könnte, so thät mir das wohl. Mit dem Schreiben ists nicht gethan, das schmeckt zu sehr nach dem eigenen vertrackten Handwerk. –

Abend halb 6 Uhr. - Soeben kommen Deine Zeilen von Frankenthal, und ich ersehe daraus, daß meine Eingangs des Briefes ausgesprochene Hoffnung sich nicht verwirklicht hat und
daß es mit Gretel noch immer nicht vorwärts geht. Das erste thut mir  r e c h t  leid, aber es scheint mir doch, daß Du Dir in Deiner liebevollen Besorgniß die Sache verschlimmerst. Ich
wollte, ich könnte bei Dir sein und Dir Trost zusprechen. So kann ich Dich bloß meiner herzlichen Theilnahme an Deinem Schmerz versichern, wovon Du schon vorher überzeugt bist.  Alle Redensarten helfen in solchen Fällen ja doch nichts, höchstens liebende Nähe gibt einige Linderung, und die fehlt Dir wenigstens im Geiste nicht. Aber daß man die Gretel so hinschleppt, das empört mich wirklich, denn das hängt vom Wollen ab. Wenn ich ein reicher Mann wäre, würde ich ohne weiteres nach Frankfurt reisen, das Gretel einpacken und zum Burkhard ins Ludwigsspital nach Stuttgart schleppen. Deinem Papa wünsche ich alles Gute und Dir mit. …

Herzlich
            Dein L. P.

 


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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