Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 9. 11. 1886
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 9./11. 86

Du schreibst mir, liebe Anna, ich soll Dir nicht predigen, das thue schon Dein Mann; aber wenn ich mich mit Dir in Gedanken beschäftige, mit Deinem Thun und Treiben, so kommt auch was davon in die Briefe. Das Schulmeistern ist freilich langweilig, namentlich schriftlich, wo die Freundlichkeit des gesprochenen Wortes wegfällt und daher manches schärfer aussieht, als es gemeint ist, aber bestärken muß ich Dich doch in guten Vorsätzen, nicht meinethalben, der ich ja nicht unter Deiner Aufregung zu leiden habe, sondern um Deinetwillen, weil Dir selber Ruhe so gut thäte, und weil doch der größte Theil Deiner Unruhe in Dir selber ist.

Also verhätschle Deine heftigen Gemütsstimmungen nicht; daß sie wahr sind und naturgemäß aus Dir kommen, bezweifelt niemand; aber Du hast Dich von Jugend auf daran gewöhnt, Dich von ihnen beherrschen zu lassen, und so bist Du nicht ganz Herr im eignen Haus. Ein tiefes Gefühl ist darum nicht weniger tief, wenn man es in Ruhe füllt und vor Explosionen hütet.

Wenn ich an Dich denke - was oft genug geschieht - sehe ich immer den gepackten Koffer neben Dir, der nach Frkthl. will, ((am Nagel den)) Regenmantel, der zu Gretchen strebt, auf dem ((Gasttisch)) ein Theaterbillet, der Dich am Korb zupft, in der Schale eine Visitenkarte, die einen Gegenbesuch verlangt, und unter dem Tisch ein paar ungeduldige Beine, die in die Ferne strabbeln. Ich habe so eine dunkle Ahnung, Dein Herz sei überall mehr als in Deiner Grustkammer, wo es doch eigentlich hingehört, namentlich seit ich Dir dort Gesellschaft leiste. Und wenn es einmal nicht mehr gut thut, so schick es lieber gleich nach Stuttgart, da ist es gut aufgehoben in Abgeschiedenheit und Stille.

Spaß beiseite - so kannst jetzt freilich das gute Gretel nicht allein lassen, und daß Dir Dein Papa am Herzen liegt, ist ja ganz in der Ordnung, aber alles mit a bisserl Tempo, bitt'schön. Und nun kommt gar auch noch die heilige Maria von Brüssel!

Was soll ich Dir von mir schreiben? Ich sitz an meinem Tisch in einer Gesellschaft von solchen, die nicht da sind, und spinne mich täglich mehr ein. An den Franzos werd ich schreiben, wird aber nicht viel nützen, da ich ihm doch keine Gedichte mehr mache. Und der »Kunst für Alle« werd ich nichts schicken, weil das Thema wohl zu einem Vortrag paßt, aber nicht für eine Veröffentlichung, sintemal ich dasselbe in meinem eigenen Buche abdrucke und es nicht so kurze Zeit vorher woanders drucken lassen will. Gretel hat mir geschrieben, wie es mit ihr steht, was recht lieb von ihr war, ich werde ihr auch in den nächsten Tagen antworten. Grüße sie inzwischen, u. ich lass ihr alles Gute wünschen.

Mein Husten, nach dem Du fragst, wird bei der schlechten Witterung jedes Jahr etwas schlimmer, aber ist vorerst noch zu ertragen. Wegen Isoldens werde ich Dir das nächste Mal schreiben. Ich gehe jetzt und trag den Brief zur Post und denk, er ging in die Savignystr.

… Herzliche Grüße an alle.

Von Herzen
                 Dein L. P.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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