Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 14. 6. 1862
Adressat: Karl Mayer


Antwerpen den 14. Juni 1862

Liebes Mayerle!

Jetzt will ich Dir aber auch gleich schreiben, das ist der sicherste Weg, Briefe zu beantworten. Schon vor langer Zeit hast Du mir einmal einen recht netten Brief geschrieben, der mich herzlich freute, den ich aber trotzdem unbeantwortet liess. Ich hatte damals meine Schwester bei mir, die krank war und mir viel Sorgen machte. Sie blieb bis dieses Frühjahr bei mir, und Du kannst Dir denken, dass es bei dem unverbesserlichen Zustande meiner Finanzen oft hart herging; denn als lediger Zigeuner ein Frauenzimmer auf dem Gewissen zu haben und noch dazu in Paris, ist nicht gedeihlich. Ich konnte aber doch meine liebe Schwester nicht in den ersten besten Platz stumben, und jetzt habe ich sie endlich bei Madam Ollivier, der Frau des Pariser Abgeordneten von der Linken, u. Tochter des Franz Liszt u. der Gräfin Dagout untergebracht, wo sie behandelt wird wie das Kind im Hause u. sich mit der Frau gegenwärtig im südl. Frankreich befindet. Von dieser Seite habe ich also wieder Ruhe u. Freiheit.

Ich sehe mit Vergnügen, dass Du immer noch der Alte bist, immer rührig und frisch von Geist; Du wirst hoffentlich an meinem Buche merken, dass ich auch nicht nachgelassen habe, u. so denke ich, sollen wir doch Freude an einander erleben. Es war vielleicht, wenn nicht angenehm, so doch erspriesslich für uns, dass wir gerade in den Jahren, wo der Mensch verphilistert, so herumgestaucht wurden; wir wären vielleicht in dem allgemeinen Spätzlesteig der schwäbischen Zustände auch ein paar so aufgedunzene Fleischbrühspatzen geworden. Zwar zum Philister hatten wir nie grosse Anlagen, aber so sind wir jetzt unserer Sache sicher, im Feuer geröstet, und kein Gott und kein Teufel kann uns mehr was anhaben. Ich fühle mich wenigstens wohler auf denn je und spüre eine Maschine von wenigstens hundert Pferdekräften in meinem Hirnkasten. Ich verlange nichts als Zeit und Raum, um loszugehen. Trotz allen Jammers und Ungemachs habe ich rüstig fortgestrebt und habe endlich, nach 12 jähriger Arbeit im Stillen, Natur und Geist in vollkommenen Einklang gebracht. Ich kann die vollkommene Identität des physischen Gesetzes, das in der Natur schafft, und des logischen Gesetzes, das im Hirne denkt, nachweisen, aber nicht blos mit Hegelschen Formeln, sondern palpabel, überzeugend, überwältigend, so dass es jeder vernünftige Mensch mit Händen greifen kann. Damit ist die Philosophie selbst Naturwissenschaft geworden, und das ist, was unserer Zeit notthut u. woran ich schon seit Zürich und Bern laborire, wie Du Dich erinnern wirst. Jetzt bin ich mit meiner Weltanschauung zu vollständiger Klarheit durchgedrungen, und die historischen und sozialen Kämpfe sind mir so durchsichtig geworden wie ein Infusionsthir unter dem Sonnenmikroskop.

Lies doch die ersten Kapitel der Abteilung „L’Art et L’Etat“ in meinem Buche. Ich konnte mich da natürlich nicht in weitere Details einlassen, aber aus der Art und Weise, wie ich das Wesen und die Entstehung des Gedankens, des Bewusstseins u. der menschlichen Entwicklung in präciser Form und wenig Sätzen erkläre, wirst Du gleich merken, dass das System auf ehernen Füssen steht, d. h. im Boden absoluter Realität wurzelt, ohne dass deshalb der Bedeutung u. der Grösse des Geistes das mindeste abhanden kommt. Was mich also am meisten beschäftigt, ist immer noch mein ungeschriebenes Buch, das aber jetzt in meinem Kopfe fix und fertig ist. Man muss das supranaturalistische, christliche Unwesen, das in der ganzen Hegelschen Philosophie noch so gut spuckt wie in der Kirche, einmal gründlich beseitigen, was man aber nicht durch einseitige Prämirung des materialistischen Standpunkts bewirkt, der nur die eine Seite der Wahrheit enthält, sondern durch eine exacte Darlegung der Identität von Wirklichkeit und Idee. Man muss Mensch u. Natur, Geist und Welt, Schöpfung und Geschichte so aneinanderschweissen, dass sie kein Pfaff und kein Professor mehr auseinanderreissen kann, dann ist erst das Mittelalter abgethan und damit Fürsten- u. Herrenrecht und alles, was die arme Menschheit schindet und gensdarmisirt.

Ich sehe, dass ich Dir den Kopf von meinem „dada“ vollschwatze, was Du vielleicht in dieser abgerissenen Weise nicht ganz goutirst. Ich will also vorerst das Maul halten und revenir à nos moutons. Was der Plan einer kunstgewerblichen Zeitschrift betrifft, so habe ich Hausmann den Vorschlag gemacht, als er in Paris war, und zwar hauptsächlich, um irgend ein Unternehmen ins Werk zu setzen, das einen finanziellen Erfolg verspricht und zugleich eine geistig annehmbaren Beschäftigung gewährt. Ich habe aus dieser Frage mein Brodstudium gemacht, um für den Fall der Noth irgend eine Spcialität zu haben; aber Du kannst Dir denken, dass mich, so wie Dich, das allgemein Menschliche, sei es nun in sozialer, politischer oder philosophischer Form weit mehr interessirt als alle Kunstgewerbe der Welt. Wenn wir uns vereinigen könnten, so wäre vielleicht möglich, beides zu verfolgen, da wir dann über mehrere Kräfte verfügen. Es wäre freilich Zeit, dass wieder einmal ein frischer Hauch in die verstunkenen deutschen Zustände käme, u. ich denke, wir wäre die Kerls, um blasen zu helfen. Es rührt sich und regt sich überall, die Masse ist in Gährung begriffen, es fehlt nur der befruchtende Samen, der den gährenden Stoff zu ordentlichen Bildungen formt. Nicht nur die Schwaben, der Nationalverein, die preussischen Forschrittsmänner u. die ganze Blase ist halt- und planlos. Die pfiffige preussische Kammer diplomatisirt wieder mit ihrem alten gothischen Esel von König u. erhält dafür einen Fusstritt in aller Unterthänigkeit; geschieht ihr ganz recht. Würtemberg belfert gegen Hessen am Bundestag u. hat doch selber eine octroirte Verfassung, u. die württembergische Demokratie hälts Maul dazu. In Frankfurt halten sie jetzt wieder Vorparlament, wo eine Menge alter Stinker grossdeutsche Reden halten werden, wo sie das verfluchte Oestreich wieder nicht fahren lassen werden, das uns von jeher in die Tinte geritten hat. So sehr es in unserem Interesse ist, Oestreich zu stützen, sobald wir erst selbst was geworden sind, so sehr ist es unmöglich, dass aus Deutschland mit Oestreich vorerst etwas anders werde als eine Missgeburt. Wenn wir dann ganzen Schwanz von Völkergerümpel mitziehen sollen, der an Oestreich hängt, so kann das uns nur in unserer Entwicklung aufhalten. Wenn die Diplomaten nicht sämtlich Hornochsen wären, die sich für Staatsmänner ausgeben, so hätten sie schon lang gemerkt, dass Oestreich zu Grunde gehen musss, wenn es sich nicht auf ein starkes Deutschland stützen kann, u. dass Deutschland nie stark werden kann, so lang Oestreich in engerem Bunde mit ihm steht u. die ewige Rivalität zwischen den verschiedenen Staaten unterhält. Was Oestreich Preussen u. Deutschland an Macht abbricht, das bricht es sich selbst ab. Kurz, es ist ein Durcheinander, so viel ich aus der Ferne ermessen kann, und es wäre Zeit, dass man einmal wieder mit der graden, offnen, groben Wahrheit dazwischen führe.

Wenn man eine ordentliche Zeitung aufthun könnte, das wäre freilich eine Hauptsache. Doch darüber lässt sich schwer urtheilen und bestimmen, wenn man nicht an Ort und Stelle ist, die Verhältnisse nicht kennt, so wenig als die finanziellen und geistigen Kräfte, über die man disponiren kann. Haben wir Geld? viel Geld? Dann können wir sogar die alte Schlafmütze, den Merkur stützen. Aber daran wirds fehlen und ob er gutwillig in eine Theilung der Gewalten willigt, ist eine grosse Frage. Man müsste einmal anfangen, ihn offen im Beobachter anzugreifen und ihm namentlich einen Guerillakrieg in allen Lokalblättern machen: lythographirte Artikel, die an alle Lokalblätter versandt werden, wären nicht übel; mit Zeit und Geld könnte man ihm jedenfalls den Boden so unter den Füssen lockern, dass ein neues Blatt ihn stürzen könnte oder dass er sich dann wenigstens zu Unterhandlungen herbeilassen müsste. Man könnte auch, was man in Belgien mit grossem Erfolg versucht hat, ein Gratisblatt gründen; d. h. ein Blatt, das jährlich nur ein paar Gulden kostet, aber für den Werth der paar Gulden Bücher den Abonnenten liefert, so dass diese das Blatt umsonst haben. Die Bücher können aus einem Katalog ausgewählt werden, der in entsprechender Weise zusammengesetzt ist. Mit den Buchhändlern hat man vorher Contracte abgeschlossen, so dass man an den Büchern etwas gewinnt; man könnte sogar statt dessen nach u nach eine volksthümliche Bibliothek selbst drucken u. brächte so noch nützliche Bücher unter das Volk. Der Profit des Blattes liegt aber in den Anzeigen. Da ein solches Gratisblatt sich sehr schnell verbreitet, so haben die Anzeigen einen grossen Werth u. bezahlen bald die Kosten u. geben noch einen hübschen Ertrag. Auf diese Art könnte man vielleicht sogar den Merkur abmurksen, jedenfalls aber fürs erste ein Sonntagsblatt gründen ohne viele Kosten, das einer weiten Verbreitung und Influenz sicher wäre. Was die eigentliche politische Thätigkeit betrifft, so ist freilich in Württemberg der Karren schon verschoben durch die Schlappschwänzigkeit unserer werthen Freunde. Man hätte eine starke demokratische Partei ausserhalb der Kammer organisiren müssen, die sich hauptsächlich mit praktischen Fragen abgegeben hätte, unter dem Titel von Gewerbevereinen, Bildungsvereinen etc. etc., ohne sich mit der Regirung auf einen Kampf einzulassen, hätte man sie gänzlich ignorirt und wäre so für dieselbe eine redoutable Macht geworden, als mit all dem einfältigen Gebelfer in der Kammer, das sich schliesslich auf eine Bittschrift an das hochpreisliche Ministerium reducirt, die ad acta gelegt wird. Warum haben denn die Würtemberger nicht sofort u. fort protestirt wie die Hessen? Es sind grösstentheils eitle Maulhelden, unsere lieben Landsleute, denen es mehr um ihre Person als um die Sache zu thun ist. Ich bin nur froh, dass der Schoder wenigstens beseitigt ist; solches zweideutiges Gesindel, das Talent hat, ist viel schlimmer als offene Feinde. Nun, wir werden ja sehen. Leider kann ich Dir keinen 35.000 fr.-Mann von hier aus schicken; solche Opfer muss man in der Nähe fischen; aber es wird Dir hoffenltlich gelingen, Dich loszueisen. Ich gehe in ein paar Tagen nach London, wo ich für die Independance belge den Bericht über matières premiè u. tussus mache – faute de mieux. Da ich Dir noch keine Adresse angeben kann, so schreibe unter der Adresse von Mayer u. Wolff in Brüssel, durch welche ich den Brief erhalten werde. Weisst Du noch nicht, dass Hausmanns Frau gestorben ist? Er schrieb mir vor ein paar Tagen u. durch ihn erfuhr ich erst, dass Polen wieder offen ist; ich wusste gar nicht, dass mich die Verjährung um eine Flüchtlingseigenschaft gebracht hat. Es ist doch schändlich, wie dem Haussmann der alte blinde Herrgott mitspielt. Du schreibst mir kein Wort von Frau u. Kindern. Grüsse sie u. empfange herzlichen Gruss von Deinem LPfau.

Ohne Adresse.


Historisches Institut der Universität Bern
Sign.: Flüchtlingsschrank, Slg. Näf
Original: Zentrales Staatsarchiv Potsdam
Sign.: NL Karl Mayer 90 Ma 3 P 12, Bl. 35-37
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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