Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 16. 12. 1859
Adressat: Karl Mayer


Paris 16 Dec. 1859

Lieber Freund!

Vor ein paar Tagen habe ich 30 frs. auf Dich abgegeben um dem Medailleur seine Medaillen zu zahlen. Da keine Antwort von Dir kommt, schliesse ich dass die fragliche Stelle nicht die gewünschten Eigenschaften hat. Vielleicht ist später einmal etwas Besseres los.

Beiliegend schicke ich Dir ein gotteslästerliches Weihnachtslied, das ich für die hiesige grösste Sängergesellschaft, die Teutonia, zusammenbraute, die mich für ihr Weihnachtsfest darum bat, u. die mich in Anerkennung meiner Schillereien zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Du kannst vielleicht deutschen Arbeitern in eurem Uhrengau ein Vergnügen damit machen; denn man muß auf das Christenthum lostrommeln wo man kann, das ist Christenpflicht.

Ueberhaupt wird’s wieder etwas Anderes in der Welt. Ich wittre Morgenluft. Die Welt wird ungeduldig und alles Volk unwirsch. Ich reibe mir vergnüglich meine Revolutionshände. Die Imperialmisere geräth immer tiefer in die Fäulnis: Kunst, Literatur und Leben, Alles ist hier stinkig geworden und alle anständigen Leute halten sich die Nase zu und schreien nach dem Todtengräber. Wenn der Neffe nicht bald wieder eine Onkelsposse zur Aufführung bringt, wird das erboste Publikum pfeifen und strampeln. Er ist wie jener Musikant, der in die Bärengrube gefallen war. Er muss aufspielen, sonst wird er aufgefressen.

Ich will ein Bändchen Zeitgedichte loslassen; es ist Zeit, dass wir Löwen wieder brüllen, denn es scheint, die Schaafe haben das Scheren wieder einmal satt.

Grüsse das Sternbild Hirsch sowie Deine liebliche Gattin. Hast Du seit meiner Anwesenheit in Neuchâatel nicht wieder ein Mayerlein verfasst? Oder ist mirs nur wie ein Traum? Halte mich auch auf dem Laufenden Deiner springenden Zukunft. Adjes!

Dein LP.

Ohne Adresse.


Historisches Institut der Universität Bern
Sign.: Flüchtlingsschrank, Slg. Näf
Original: Zentrales Staatsarchiv Potsdam
Sign.: NL Karl Mayer 90 Ma 3 P 12, Bl. 33-34
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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