Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 26. 12. 1857
Adressat: Karl Mayer


Paris, 26. Dez. 1857.

Lieber Freund!

Ich wollte Dir erst nach Neujahr in Begleitung einiger Bücher schreiben, die gegenwärtig im Drucke sind; eine Correspondenz zwischen Schily und Reinach jedoch, die Dir bekannt sein wird, veranlasst mich, dies sogleich zu thun, da dieser Vorfall den Schein auf mich werfen könnte, als habe ich eine kleinliche Rache durch einen Dritten an Reinach üben wollen, einen Schein, den ich Dir gegenüber nicht auf mir liegen lassen will.

Da Reinach in jenem Streite, den er vom Zaune brach, Becker, um es kurz zu sagen, einen Spitzbuben genannt und Schily und mich mit ihm in einen Topf geworfen hatte, so fand ich mich, zurückgekehrt aus Paris, bewogen, die Sache etwas näher zu untersuchen. Ich machte zu dem Ende Schily die betreffenden Mittheilungen, und es stellte sich dann auch heraus, dass die Behaptungen Reinachs durchaus falsch und nur ein neuer Beweis seiner alten Wuth sind, allen Leuten Schlimmes nachzusagen.

Bei Besprechung dieser Sache entschlüpfte mir, wie es kaum anders sein konnte, absichtslos die Aeusserung, die Reinach bei dieser Gelegenheit über Schily gethan. Obwohl dies Betragen Reinachs gegen mich der Art war, dass es mich jeder Rücksicht entband, so wollte ich doch keinen Streit veranlassen und erklärte daher Schily, dass er meine Mittheilung, die er alsbald zu weiteren Schritten benutzen wollte, als ein vertrauliche zu betrachten habe u. keinen Gebrauch davon machen dürfe. Trotzdem schickte Schily gegen meinen Willen einen herausfordernden Brief an Reinach.

Reinach nun, der weder im Stande ist, seine Behaptung: Schily sei ein unzuverlässiger Mensch, der ein verdächtiges Zigeuerleben führe, aufrecht zu halten, noch anständig genug ist, einzugestehen, dass er sich in der Hitze einer Uebereilung habe zu Schulden kommen lassen, erklärt meine Aussagen für eine "schnöde Lüge."

Ich bin mit diesem Ausdrucke einverstanden; da jedoch die Aussage eine von Reinach gemachte und von mir referirte ist, so bleibt ihm, wie recht und billig, die "schnöde Lüge" zu fürderem Gebrauch.

Reinach hat sich wie ein Bube Äusserungen erlaubt, die er nicht vertreten kann, und zur Rede gestellt, läugnet er diese Ausserungen wie ein Bube. Das Letztere ist die natürliche Consequenz des Ersteren.

Du wirst mir einen Gefallen thun, wenn Du ihm dieses in meinem Namen mittheilen willst.

Schily dem gegenüber das Läugnen Reinachs einer Revocation gleichkommt, hat natürlich keinen Grund zu Weiterem. Da er jedoch Reinach und mich kennt, so kann er unschwer beurtheilen, ob Reinach eher fähig ist, eine Unverschämtheit, oder ob ich eher fähig bin, eine Lüge zu sagen.

Genug hievon.

Was mich betrifft , so übersetze ich Proudhon fort – Ich bin an den lezten Bogen des zweiten Bandes und werde mit dem neuen Jahre den dritten beginne. Das Buch ist äusserst interessant und in der Hauptsache umumstösslich. Ich werde Dir die Uebersetzung zuschicken, sobald sie erscheint, und Du wirst sie hoffentlich mit etwas mehr Respekt entgegennehmen als die ipsissima opera Deiner Freunde.

Gestern waret ihr gewiss vergnügt in Neuchâtel und ich wollte, ich hätte euch beim Baumputzen helfen können. Das war doch die vergnügteste Periode der Flüchtlingszeit, wo wir Soldaten malten und Christbescheerungen fabrizirten.

Lass mich wieder einmal hören, wie es Dir geht, wie eure Oberlandreise ausgefallen u. wie sich Deine liebliche Gattin und Deine Kinder befinden.

Moriz Hartmann lässt auch grüssen; er ist wieder ziemlich gut auf den Beinen u. hat im Sinne nächsten Sommer nach Stuttgart zu gehen. Begnadigt ist er nicht, da man zu dem Ende einen eigenhändigen Brief an den Kaiser von ihm verlangte, worauf er nicht einging u. umso weniger als indessen seine Mutter gestorben ist, das Einzige was ihn nach Oestreich zog. Zu Proudhon komme ich oft; er ist ein braver Proletarier; wir sprechen nach u. nach sein ganzes Buch durch.

Grüsse deine Frau und Deine Kinder, auch – Emma heisst sie glaub ich.

Sei herzlich gegrüsst von Deinem

LPfau

NB Prost Neujahr!

Ohne Adresse.


Historisches Institut der Universität Bern
Sign.: Flüchtlingsschrank, Slg. Näf
Original: Zentrales Staatsarchiv Potsdam
Sign.: NL Karl Mayer 90 Ma 3 P 12, Bl. 28-29
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


Erläuterungen:


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