Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 6. 1. 1858
Adressat: Marie Kurz


Paris , den 6. Jan. 1858

Edles Ungethüm!

Prost Neujahr! Endlich hast Du doch etwas von Dir hören lassen und ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr trotz Zitterei und Sommerwirtschaft ordentlich auf den Beinen seid.

Um die auf Dein Haupt gesammelte(((n))) Kohlen auch anzublasen, schicke ich Dir fürder beiliegend mein letztes Opus. Ich habe mir nämlich gesagt, daß es Unrecht wäre, wenn ich meine Gedichtsammlung abschlösse, ohne dem Weibe, das ich am meisten geliebt, u. das es verdiente, einen Grabstein darin zu setzen. So nahm ich denn meine alte Liebes-Cither von meinem Übersetzerkasten herunter. Die arme Schachtel war ganz versprungen und verstaubt und schetterte wie eine zerbrochene Kachel. Ich habe sie aber wieder geleimt, geflickt und gestimmt, und siehe da, sie spielt, wie mir scheint, noch einen ganz anständigen Ton. Hermann kann einmal versuchen, ob der Philister Hauff das Gedicht im Morgenblatte drucken will.

Mit den Gedichten Bérangers hast Du noch einen Vorsprung vor mir, denn ich habe sie noch nicht einmal gelesen, obwohl ich eines davon übersetzte. Beim Durchblättern jedoch fand ich im Allgemeinen, daß, obwohl die Sammlung wie natürlich manches Hübsche enthält, diese posthumen Gedichte des braven Chansoniers doch seinen bei Lebzeiten erschienenen im Ganzen nachstehen. Es war freilich nicht anders zu erwarten, als daß in seinem Alter "nach dem gewohnten Ziel mit holdem ((Tone )) hinzuschweifen" (oder wie der Altvater sagt), sein einziges Bestreben sein werde. Es wäre Unrecht, wenn man von dem Greise etwas anderes erwarten wollte; aber es scheint mir eben, daß das gewohnte Ziel fehlt. Vom öffentlichen Leben zurückgetreten, ohne direktes Interesse an den Bestrebungen der Gegenwart, fehlt dem Dichter der Gegenstand, die eigentliche Begeisterung, die Béranger stets
aus den unmittelbaren Thatsachen u. Ereignissen schöpfte. Dies ist seine Stäreke u. sein Verdienst; aber auch die Schwäche seiner letzten Klänge. Summa Sumarum, er war ein ganzer Kerl, u. wir wollen nicht an ihm mäkeln: aber die Anerkennung soll uns auch nicht blind machen. Kritik mit Liebe, Liebe mit Kritik!

"So hab' ich's gehalten von Jugend an,
Und was ich als Fuchse geübt und gethan
Nicht will ich' s als Mooshaupt (ohne Moos) entbehren.''

Béranger hat, wie Du wissen wirst, auch eine Biographie geschrieben, die ich Dir zu Lesen empfehle. Er spricht darin zwar weder von seiner politischen Einwirkung noch von seinen Meinungen und Überzeugungen, noch von seinen Erlebnissen im eigentlichen Sinne des Worts, er spricht von sich so wenig als möglich; aber gerade das ist das Eigenthümliche daran. Es ist ganz Béranger. Alles säuberlich und wohlgethan. Man sieht, daß der gute Schlaule lieber seine Füße in seine Tasche stecken als irgend Jemand auf die Hühneraugen treten würde. Nur bei Ludwig XVIII. holt er einmal mit dem Bein aus und applicirt diesem Gesalbten des Herrn einen tüchtigen Fußtritt auf den allerhöchsten Potex. Dieses hat mir mehr denn zu wohl gefallen.

Gestern war ich wieder bei Proudhon u. habe seinen zwei Mädchen Bonbons gebracht. Er beendigt eben seinen dritten Band u. hat die französische Literatur gerade unter seinen Klauen, que je ne vois pas blanche. Er sagt, die Kerle spintisiren im Nebel herum, ''das  M a u l  thier sucht im Nebel seinen Weg!", ihre ganze Weisheit stecke im Maule, mit dem sie ihre vorgebrachten poetischen Formeln abschnarren, ohne zu wissen, woher sie kommen u. wohin sie gehen. Lamartine sei nichts als ein alter Resonanzkasten: "spann einen davon darauf und er singts ganz allein!"

(( Idem Du wirst das seine Zeit lesen)). Auch George Sand u. Consortinnen bekommen nicht eben galante Püffe ab. Sie hätten Ungeheures zum Verfall der französischen Sitten beigetragen und hätten immer einen tas de souleveurs de jupes um sich, die sie anräucherten quand même. Diese Urtheile natürlich unter uns.

Auf Chermaus Novellen freue ich mich sehr. Ich betracht es als mein Christkindchen; denn sonst besucht mich ungläubigen Heiden doch keines. ((Grüße)) ihn, auch den Kunstmeister und seine Plastik. Macht Euch lustig im neuen Jahr u. denkt manchmal

Eures Wothan


Deutsches Literaturarchiv Marbach
Best.: A: Pfau
Nr.: 32.683
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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