Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 2. 4. 1894
Adressat: Ida Schlesinger


Stuttgart 2. April 1893

Lieber Racker!

Du scheinst zu glauben, ich hätte gar nichts zu thun, als Briefe zu schreiben, und der Umstand, daß Du es jetzt in Frankfurt bereits soweit gebracht hast, Münchener Millionäre zu 'protegieren', scheint Dir in die Krone gefahren zu sein. Es scheint mir vielmehr, daß ich meinem Grundsatz, so wenig als möglich Briefe zu schreiben, Dir gegenüber mehr als billig untreu geworden bin. Im Begriffe, zwei Bände politischer Schriften herauszugeben, bin ich von morgens bis abends mit den Vorbereitungen hiezu beschäftigt, so daß ich trotz des schönen Wetters oft 3 Tage lang nicht aus dem Hause komme.

Dein Papa hat inzwischen die Bude neu hergerichtet, Wände angestrichen, Platfonds bemalt, Teppich und Läufer gelegt, und Du kannst froh sein, Dich während dieser Zeit, wo eine Woche lang alles drunter und drüber war, so daß man im Laden keine unverstellte Ecke finden konnte, in Frankfurt befunden und gelebt hast wie Gott in Frankreich. Der Laden ist recht hübsch geworden und ist auch wieder mit einer neuen Steiner'schen Ausstellung geziert.

Mein armer dicker Hausherr in der vorigen Wohnung, Herr (( Inhols )) ist plötzlich gestorben, und Marie war diesen Morgen bei seiner Beerdigung.

Dein Vater sagte, Du würdest vielleicht noch ein paar Tage länger bleiben, und das hat, trotz Deiner Abläugnungen, meinen verdacht, daß Du dort ((drunten)) an irgendeiner Heiratskunkel spinnst, aufs neue genährt. Hoffentlich hast Du in diesem Falle ein gutes Werg im Rocken.

Da ich wegen meiner Beschäftigung sehr wenig ausgehe, komme ich auch selten in den Laden; Deine Eifersuchtsanwandlungen sind daher ganz unnöthig, abgesehen davon, daß die gebrannten Kinder den Herd fürchten. An der hübschen meiner Schwester gesandten Photographie sehe ich, daß Dir das Frankfurter Leben gut bekommen ist und Du mit Pausbacken zurückkommst. Und wenn sich diese Verwandlung auch nach innen erstreckt und auch Deine (( ... )) an Schmalz und Geschmeidigkeit zugenommen hat, soll michs freuen.

Meine Schwester bummelt natürlich mit Frau ((Liebler)), Du mußt Dich daher für diesmal mit meinem Gruß begnügen.

Herzlich Dein
           L. P.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - Nr. 27.122 -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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