Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 15. 12. 1891
Adressat: Ida Schlesinger


San Remo 15. Jan. 1891

Lieber Racker!

Gestern ist ein Brief an Deinen Papa abgegangen, von dem Du wahrscheinlich bereits Kenntniß hast, und heute geht dieser an Dich ab. Du wirst also bereits wissen, daß ich augenblicklich in San Remo bin und Deinen Onkel besucht habe. Da Du Dich hoffentlich zur "Freundschaft'' rechnest, hast Du auch Dein Theil an den Beobachterbriefen, hast also kein Recht, Dich zu beklagen. Aber Du sollst auch was Extras haben, sintemal ich gewohnt bin, meine Versprechen zu halten; denn mit dem allgemeinen Menu seid Ihr Frauenzimmer nicht zufrieden, sondern verlangt immer eine eigene Aufwertung, die Ihr auch manchmal durch Eure Liebenswürdigkeit verdient, wenn Ihr nicht gerade des Kuckucks seid. Deine Tante läßt Dich schön grüßen und Dein Onkel auch; zwei nette Kinder hab ich auch gesehen, die gescheite Augen im Kopf haben.

Was Deine im ((Liederstil)) geschriebene Postkarte betrifft, so heißt es bei mir im Gegentheil: Aus den Augen, aber im Sinn; während es bei Dir heißt: In den Augen, aber aus dem Sinn. Du bist halt ein kleiner ((Hopp))hase, in dessen Kopf die Phantasie noch Polka tanzt.

Du hast - scheint es - das große Los noch nicht gewonnen, und so werd ich wohl auf das Vergnügen verzichten müssen, Dich an der Riviera zu sehen. Das ist schade, denn es ist sehr schön hier: ein blauer Himmel, eine wärmestrahlende Sonne, alles grün und blühende Rosen im Freien. Ich habe noch nie gefroren, obwohl der Winter seit einigen Tagen auch bei uns eingekehrt ist und es seit 3 Tagen regnet und stürmt. Aber der Himmel fängt bereits an, sich wieder aufzuhellen, und sobald die Sonne wieder herauskommt, kann man im Freien sitzen und bratet in der Sonne, wenn man den Schirm nicht aufmacht.

Ich sitze in Gedanken manchmal in Eurem 'Glaspalast' an der Tischecke und lass mir Bilder von Dir zeigen; aber dann bringst Du, als eigensinniger Racker, nie das, was ich will, sondern Köpfe, die mir Grimassen schneiden. Dann steh ich ingrimmig auf, geh an den Strand und lass mir die Sonne auf den Buckel scheinen. Hoffentlich wirst Du's nicht so machen, wenn ich wieder hinauskomme, denn da könnte ich, statt an den Strand, höchstens in den Petersburger Hof gehen, wo, statt der Sonne, nur die elektrischen Glühwürmer scheinen, die um 12 Uhr ausgelöscht werden, ehe ein solider Mann ins Bett geht.

Fasse also gute Vorsätze bis zu meiner Wiederkehr und nimm zu mehr noch an Liebenswürdigkeit als an Alter.

Mit herzlichen Grüßen
                   Dein alter Freund L. Pfau

NB. In ein paar Tagen kehre ich wieder nach Menton zurück und wohne dann im Hotel des Alpes.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - Nr. 27.117 -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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