Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 27. 3. 1893
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 27. März 1893

Liebe Anna!

Daß ich in Beziehung auf epistolare Fahrlässigkeit ein Muster bin, ist nicht zu läugnen; aber das ist kein Grund, schlechte Beispiele nachzuahmen. Du hast mir weder Deinen Kunstbericht geschickt, noch Notiz von meiner Anfrage wegen einer Aquarellausstellung Steinerscher Landschaften genommen. Also schicke mir wenigstens Dein Opus und schreibe mir, an wen ich mich wegen dieser Kunstangelegenheit am besten wende in Frankfurt; denn wenn es nicht bald geschieht, wird es zu spät für diese Saison.

Was die italienische Übersetzung der 'Freien Studien' betrifft, so gebe ich gern meine Einwilligung, wenn der betreffende Übersetzer die nötigen Fähigkeiten hiezu besitzt - dafür bist Du verantwortlich.

Dein Mammroth scheint mir ein sehr unzuverlässiger ((Kantonist)) zu sein. Er hatte beim Erscheinen der vierten Auflage meiner Gedichte die Besprechung in der 'Frkf. Ztg.' übernommen, hat aber nichts getan, und die Frkf. Ztg. ist das einzige Freisinnige Journal allgemeiner Richtung, das  n i c h t s  gebracht hat. Als er meinen ersten Brief aus der Riviera abdruckte, hab ich ihm einen vertraulichen Brief geschrieben, auf welchen er mir nie geantwortet hat; und von dem mir für den Abdruck versprochenen Honorar habe ich nie den kleinsten Schimmer gesehen. Hol ihn der Teufel!

Daß Oskar sein Examen so gut bestanden hat, freut mich recht; ich lass ihm gratulieren. Was den Plan betrifft, ihn vor dem Besuch einer deutschen Universität vorher in irgendein französisches Ausland zu schicken, so bin ich ganz damit einverstanden. Fürs erste ist ein frühzeitiges Erlernen der französischen Sprache ein nicht zu unterschätzender Vortheil; und zweitens wird er dadurch verhindert, sich gleich in die dummen und verderblichen Studentenverbindungen zu stürzen, die an überlebter Geistlosigkeit die übrigen Verkommenheiten dieses vortrefflichen deutschen Reichs noch übertreffen. Freilich sollte der Aufenthalt zugleich seinen Studien dienlich sein, u. da weiß ich nicht, ob Lausanne der rechte Ort ist, da ich eben so' wenig weiß, was' derselbe bietet, als welchen Beruf Oskar zu ergreifen willens ist. Im übrigen scheint mir ein halbes Jahr eine halbe Maßregel, und ich würde eher für ein ganzes stimmen. Das halbe Jahr bringt er auf der Universität durch schnelleres Lernen wieder ein, wenn er reifer ist  und, statt im Studentengetreib zu verhocken, sich die Hörner in der Welt etwas abgelaufen hat.

Herzliche Grüße von Marie sowie von mir an Dich u. die Deinen von
                                                                          Deinem
                                                                                  L. P ...

Ich war vorher zwei Jahre in Paris, ehe ich die Universität bezog, und das hat mir sehr gut gethan.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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