Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 3. 3. 1892
Adressat: Anna Spier


Menton 3. März 92
Schweizerhof

Liebe Anna!

Es war mir in der letzten Zeit gar nicht gut. Das abscheuliche Wetter, das wir auch hier hatten, wenn auch in verringertem Maße, hatte mich wieder mit einem neuen Katarrh beschenkt, dazu mit Kopfweh und Hirnmüdigkeit, so daß ich mich hinlegte wie ein Murmelthier und kein Lebenszeichen von mir gab. ( ... )

( ... ) Heute habe ich endlich die nicht beantworteten Briefe notirt, und da sinds zwanzig und einer. Da liegen sie vor mir auf dem Tisch und schreien nach Antwort, die Racker, wie Kinder, die ihre Ration Milch noch nicht bekommen haben; und ich soll nun die ganze Bande abfüttern und bin eine Amme, die wenig Milch mehr gibt.

Sobald ich wieder besser auf dem Damm bin und das Wetter etwas vernünftiger wird, werde ich mich nach Florenz und Rom auf den Weg machen. Auf Neapel habe ich verzichtet: das weite Reisen so allein und das fortwährende Ein- und Ausquartieren ist mir zu mühselig. Auch den Besuch jener beiden Centren betrachte ich eigentlich mehr als eine Pflichterfüllung denn als ein Vergnügen. Ich hätte eben zehn Jahre früher nach Italien kommen sollen; jetzt verderben mir die Mühseligkeiten der körperlichen Anstrengung den geistigen Genuß. Wenn ich die Dinge an mir vorbei spazieren lassen könnte, statt ihnen nachlaufen zu müssen, dann wärs was anderes.

Was mich dazwischen am meisten freut, ist die anerkennenswerthe Beharrlichkeit, mit welcher der junge Kaiser an der Demolirung der Monarchie arbeitet; leider werde ich seine Erfolge nicht mehr erleben, aber wenn er so fortfährt, ist er in zehn Jahren fertig damit. Dein Freund Miquel, der zwar ein geschickter und freundlich gesinnter Herr ist, aber nichts als Syrup im Rückgrat hat, fand Gelegenheit, sich hiebei als getreuer Knecht seines Herrn gehörig zu blamiren. Der hätte auch besser daran gethan, Bürgermeister von Frankfurt zu bleiben.

Grüße mir die Deinen u. die Freunde, die nach mir fragen, sowie Dich herzlich grüßt
          Dein
                L. P...


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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