Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 1. 3. 1890
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 1. März 1890

Liebe Anna!

Dein Brief hat meinem Gewissen einen Puff gegeben, den ich gleich benutzen will, um alsbald zu schreiben; denn wenn ich einmal verschiebe, dann kostets große Mühe, mich aus meinem Ruhebedürfniß emporzurappeln. Je älter man wird, desto geneigter, die Dinge mit dem Denken abzumachen statt mit dem Handeln. Diese Geneigtheit wurde mir allerdings in den letzten Wochen durch den Druck und die Ansprüche der Wahlangelegenheiten arg versauert, was denn auch zu meinem Schweigen beigetragen hat.

den 3. März

So weit war ich gekommen, als ich abgerufen wurde, und zwar in Angelegenheiten des Heilbronner Kaiserdenkmals, wegen dessen ich morgen nach Heilbronn (((reise))) und  voraussichtlich 8-10 Tage dort bleiben muß. Unser Entwurf steht schon längst dort in unserer Kiste, und der Concurrenzentwurf ist nun auch dort. Nun muß ich den unsrigen auspacken und aufstellen, für dessen fachgemäße Dekoration sorgen und ihm auch möglichst die weiteren Wege besorgen. Derselbe ist übrigens im Ganzen so gut ausgefallen, daß ich entschieden auf dessen Annahme hoffe.

( ... ) aber die Aufstellung ist nicht mehr länger zu verschieben, und ich bin es meinen Künstlern schuldig, die diesmal ganz nach meiner Pfeife tanzen mußten, daß ich das von mir Gewollte auch zur Geltung bringe und durchsetze ( ... ) Deinen Aufsatz über Thoma habe ich  n i c h t  erhalten, und ich sehe ihm mit mehr Neugierde als Zuversicht entgegen. Das ist ein Thema, vor dem  m i r  bange wäre, trotz längerer kritischer Übung; aber der Herr gibts den Seinen im Schlaf, und die Unschuld tanzt unbewußt über einem Abgrund.

Meyers haben mir nicht direkt geschrieben, und ein Porträt will ich ihnen wohl schicken, sobald ich nämlich selber eines habe. Ich habe nämlich, wie Du selber weißt, keine mehr.  ((Brandseph)) hat mich wieder frisch aufgenommen, es ist aber noch nicht fertig. - Mit dem Artikel pressirts ja nicht, da die eigentliche Zeit doch nun einmal verpaßt ist. Wenn ich von Heilbronn zurück bin, werde ich Dir darüber schreiben.

Mein Neffe Keppler ist schon seit Anfang Januar nach New York zurückgekehrt, und seine Bilder erscheinen bereits wieder im Puck. Nach Cannstadt gehe ich alle 8-14 Tage. Ebers kenne ich zu wenig, um ein Urtheil 'als Mensch' über ihn zu fällen. Grützner scheint mir glücklich als Ehemann. Der Marie bin ich wie gewöhnlich einen Brief schuldig. Mit der Heliographie lebte ich längere Zeit im Unfrieden. Eine Aussöhnung hat aber nun stattgefunden.

Schöne Grüße an alle Freunde, die nach mir fragen. Herzlich grüßt Dich und die Deinen
Dein
L. P ...


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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