Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 30. 1. 1889
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 30. Jan. 89

Liebe Anna!

Nachdem ich mich entschlossen hatte, ein paar Tage ins Bett zu liegen,um etwas auszuruhen, befinde ich mich jetzt wieder besser und benütze die gute Stunde, nun Dir sogleich zu antworten.

Was zunächst meine Reise betrifft, so ist es mir nicht möglich, jetzt schon einen bestimmten Termin anzugeben. Ich bin jetzt mit den Gedichten am 18. Correcturbogen, alle diese Correcturen und Revisionen nehmen viel Zeit weg und sind auch sehr anstrengend, weil man mit großer Aufmerksamkeit lesen muß, um keinen Fehler stehen zu lassen, der bei Gedichten doppelt ärgerlich ist. Dabei muß ich mich um die Eintheilung der Strophen ect. kümmern, damit die Seiten weder zu voll noch zu leer werden, am Ende der Abschnitte kein weißes Blatt bleibt und so weiter. Nebenbei hatte ich Verhandlungen mit dem Verleger über den Einband; da ich ihm nicht zumuthen kann, die Ausgabe einer eigenen
Titelverzierung zu machen, hatte ich alle Mühe, die schreienden gold((glatschigen oder -platschigen)) Deckel, die jetzt Mode sind, abzuwehren und unter dem Verfügbaren etwas Anständiges herauszufischen, was mir dann schließlich auch gelungen ist.

tMit dem Reste von Band V der 'ästhetischen Schriften' bin ich zwar so ziemlich fertig; aber mit der Ausarbeitung von Band III, dem letzten, bin ich unter diesen Umständen und bei meinem Unwohlsein natürlich nicht weiter gekommen, und die Frist seiner Beendigung ist natürlich auch von meinem physischen Befinden abhängig; doch scheint mir, daß sich dieses jetzt zum besseren wendet.

Ich weiß nicht, ob /ich/ Dir geschrieben habe, daß die Gedichte Anfangs April fertig sein werden. Ein Vierteljahr wird wohl immer noch drauf gehen - gutes Befinden vorausgesetzt -
bis ich von hier fortkomme, vielleicht auch etwas länger, da ich ja nicht zum voraus genau weiß, wie lang mich Band III noch in Anspruch nimmt.

( . . . )

Von Deiner Portraitirung durch Thema bin ich nicht sehr erbaut. Thoma ist mir unter allen Künstlern, die mir noch vorgekommen sind, die unbequemste Person. Man kann nicht sagen,
daß er ohne Talent sei, aber seine ganze Richtung ist so eigensinnig widerhaarig, daß ich ihn, wie man im Schwabenlande sagt, nicht verknusen kann. Er kommt mir als Maler ungefähr vor wie ((Jordan)) als Dichter, der auch seine Bewunderer hat, die ich aber so wenig begreife wie die Bewunderer Thomas. Ich bin doch sonst in meinen Kunstanschauungen nicht einseitig, aber Thoma ist in seiner Art gerade so verrannt wie gewisse Pleinair-Realisten in der ihrigen, nur nach der entgegengesetzten Seite. Und dazu (( ... )) roth und Empirekostüm! - Er wird eine schöne Vogelscheuche aus Dir machen! Da wird man begreifen, daß die Orientalen das Ablichten von Personen verbieten. Das Beste ist, daß er trotz seines Kunstsp((arrens)) wenigstens ein Mann von Geist zu sein scheint, sonst wäre es schade um die Zeit des Sitzens.

Nun lebe wohl und sei herzlich gegrüßt
                                   von  D e i n e m  L. P ...


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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