Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 4. 2. 1888
Adressat: Anna Spier


Stuttgart, 4. Feb. 1888

Liebe Anna!

Diesmal lasse ich Dich länger auf einen Brief warten, als recht ist; aber ich befand mich wörtlich in der Lage jener Frau, die so viel zu thun hatte, daß sie sich aus Verzweiflung ins Bett legte. Alle mögliche/n/ Antworten, Gratulationen, Beileidsschreiben, geschäftliche Briefe ect. ect. lagen mir auf dem Halse und ich war plötzlich so müde von dem verdammten Gefühle , daß mein Kopf nichts von Schreiben wissen wollte, und ich sozusagen alle viere von mir streckte, jeder Anforderung den Rücken kehrte, jede innere ((Wehung )) zur Thüre
hinauswarf und gar nichts t hat, als ausruhen. Oeftere Dosen von Morphium, die ich nehme, um den Hustenreiz wegzuschaffen, hatten natürlich das ihre zu diesem Zustand  beigetragen. An Neujahr habe ich von meinem Bruder in New York die Nachricht von dem Tode seiner Frau erhalten, und habe ihm noch nicht einmal geantwortet, woraus Du ersehen
kannst, bis zu welchem Grade ich Feder und Schreibzeug als meine natürlichen Feinde betrachtete.

Im übrigen hat mir diese Heilmethode, aus Morphium und Faullenzen zusammengesetzt, doch gut gethan. Den nervösen Reiz hat das Morphium weggenommen, und das Ausruhen hat meinem Kopf gleichfalls guth gethan, so daß ich mich jetzt wieder so ziemlich in meinem normalen Zustand befinde, und das Husten mich nicht mehr über Gebühr anstrengt.

Im übrigen habe ich in der Zwischenzeit doch die Correctur meines dritten Bandes besorgt, der jetzt auch fertig gedruckt ist, und bereits ein Dutzend Bogen des vierten Bandes ins reine gebracht; dieses Herumschleifen an schon Fertigem geht leichter, aber war gerade genug, um alle verfügbare Energie in Anspruch zu nehmen.

So, jetzt hätt ich Dir genug von meiner Person vorgeschwätzt; daß Du genug zu thun und nicht viel Zeit zum Lesen hast, glaube ich wohl. Daß Gretls Gesundheit gute Fortschritte macht, freut mich recht. Muß sie denn noch immer das Bett hüten? Sie wird doch jetzt wenigstens zeitweise auf sein können. - Was Freund Spiers Advokaten betrifft, so habe ich ihn in den letzten Tagen nicht gesehen. Wahrscheinlich wird er abwarten, bis die Revisionsfrist verstrichen und das Urtheil rechtskräftig geworden ist . Er wird ihm wohl das Ergebniß
der Gerichtsverhandlung mitgetheilt u. keinen weiteren Auftrag von ihm haben. Im übrigen ist derselbe nicht besonders gut auf Freund Spier zu sprechen, der nie eine Antwort gebe und alles hangen und bummeln lasse. Wenn er ihm nun Gleiches mit Gleichem vergälte, hätte er nur seinen verdienten Lohn.

Herzliche Grüße an Dich, Gretl u. alle
                                                    Dein LP


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - Nr. 27.657
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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