Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 24. 12. 1886
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 24. Dez. 1886

Liebe Anna!

Als ich Deinen Brief von Frankenthal datirt sah, war mir gleich bang, es möchte mit Deinem Papa wieder schlimmer stehen. Hoffentlich hat sich sein Zustand inzwischen wieder gebessert. Bei diesen Leiden geht es eben auf und ab, da sie langwieriger Natur sind.

Daß sie der Gretel so einfältige Redensarten auftischen, ist doch recht kopf- und herzlos. Wie kann auch eine Oberin so dumm sein; und vollends ihr Papa hätte ihr doch die Sache ausreden sollen, statt sie zu bestätigen. Solche Fälle sind die einzigen, wo die Wahrheit nicht angebracht ist, weil sie gegen das eherne Naturgesetz, wenn sich dieses vollzieht, doch nichts hilft, und falls man die Sache für schlimmer angesehen hat, als sie ist, nur unnöthigt beängstigt. Übrigens müssen nach der Untersuchung die Ärzte wissen, woran sie sind, und eine direkte Befragung des Dr. (( ... )) scheint mir, diesen halben Redensarten gegenüber, immer noch nicht überflüssig.

Ein Früchtebrot für Gretel hab ich unter Deiner Adresse abgehen lassen. Es ist natürlich während Deiner Abwesenheit angekommen und Freund Steiner in die Hände gefallen. Im Fall er
es öffnete, wird ihm übrigens eine Karte die Bestimmung der Schachtel kundgethan und er sie wohl expedirt haben. Ein altes Bleistift, mit dem ich in der letzten Zeit schrieb, war auch
darin - da sies ja haben wollte.

Was Dein kleines Paket betrifft, so laß Dir darüber keine grauen Haare wachsen.  D r e i  S tr i c h e  von Deiner Hand ersetzen mir alle Pakete. Daß Dich ein Buch noch mehr interessirt,
wenn es von jemand verfaßt ist, für den Du noch überdies ein persönliches Interesse hast, verstehe ich ganz gut, Du müßtest ja kein Weib sein, wenn dem nicht so wäre. Und das schadet auch gar nichts, denn gerade dieses Nebeninteresse bringt Euch Frauen zu Lese- und Denkanstrengungen, welche dem Hauptinteresse, d. h. dem Verständniß des Buches selber zu gute kommen. Bei Euch muß ja doch alles durch das Thor persönlicher Anregung einspazieren.

Mit der Arbeit gehts nicht so schnell, als ich wünsche. Mein Kopf ist manchmal durch den Husten angegriffen und will dann nicht recht; der hat auch seinen eigenen Kopf. Mit den
Augen geht es seinen (( ... )) Weg. Das noch sehende wird in fast unmerklichem Tempo schwächer. Sobald ich mit meinen Arbeiten zu Ende bin, werd ich das verfinsterte operiren lassen.

An Weihnachten werd ich nichts besonderes treiben und den Abend bei dem einen oder andern Freunde zubringen. Es ist da alles aus Rand und Band, und ich bin jedesmal froh, wenn die Feiertage wieder vorbei sind. – Isolde ist längst abgereist. Hielt sich noch in MUnchen auf und wird jetzt wohl wieder in Florenz sein.

Mit besten WUnschen fUr Deinen Papa und herzlichen Grüßen
                                                                                     Dein L. P.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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