Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 24. 10. 86
Adressat: Anna Spier


Stuttgart 24. Okt. [18]86

Liebe Anna!

Wie ich Sonntag morgens aufstand, hatte ich eine recht freudige Überraschung, als ich einen Brief mit Deiner Hexenschrift auf meinem Schreibtisch liegen sah, und Deine Nachrichten waren mir eine liebe Sonntagsgesellschaft in meiner Einsamkeit. Denn Sonntags gehe ich - außer mittags zu Steiners - gewöhnlich nirgends hin. Die Leute sind meistens ausgeflogen, und ich selber mag am »Tag des Herrn«, wo Wagen, Eisenbahn und Wirtshäuser überfüllt sind, keine Ausflüge machen. Das Durcheinander sagt mir nicht mehr zu: »Selig, wer sich vor der Welt« etc.- und wenn der »'Freund« eine Freundin ist, so thut das dieser Wahrheit keinen Eintrag - im Gegentheil! Für Dich soll dagegen der »Freund« stehen bleiben.

Es freut mich, daß unsere Unterhaltungen in Dir fortwirken; auch ich gedenke mit innerer Befriedigung unserer Plauderstunden und empfinde deren Aufhören als eine herbe Entbehrung. Der herzliche Umgang mit einem rechten Weib ist mir nothwendig zu meiner geistigen Gesundheit, und hiefür ist der briefliche Austausch ein recht magerer Ersatz. Aber er erhält wenigstens das Gefühl einer Zugehörigkeit, welche die Bitterniß des Alleinseins nicht aufkommen läßt.

(...)

Ich möchte auch lieber bei Dir in Deiner Grustkammer sitzen und ein bißchen den Grust in Deinem Trotzkopf aufräumen, als dem trefflichen Maler Leys, an dem ich gerade bin, aus allerhand Garderobfetzen ein ordentliches Gewand zusammenflicken. Du siehst, das ist auch eine Art Haushaltungsgeschäft, wenn da auch mit der Feder, statt mit der Nadel geflickt wird.

Beiliegend schicke ich Dir, Deinem Wunsche gemäß, einen »Onkel Benjamin«' und das Hauptstück der »Freien Studien«. Die erste Seite der Vorrede, und einiges im ersten Abschnitt, wird Dir wohl nicht ganz verständlich sein; denn hier mußte ich gewisse philosophische Vorkenntnisse voraussetzen und einige technische Ausdrücke anwenden, um mich kurz fassen zu können, da ich nicht beabsichtigte, eine ganze Philosophie zu schreiben. Aber das thut nichts, über die paar Sätze, die Dir nicht ganz klar werden, liest Du hinweg, alles andere wirst Du vollkommen verstehen, so gut wie andere Frauen, die das Buch ohne Mühe gelesen haben, denn es ist durchaus nicht im Jargon der Schule geschrieben - im Gegentheil!

Freund Steiner dürfte es wohl auch lesen, es wird ihn nicht gereuen und ihm keinesfalls schaden, wenn er einmal von seinen Muscheln und Schnecken wieder aufschaut, um sich in etwas höher gelegene Regionen umzutreiben.

Ich schicke Dir auch eine Photographie, die freilich schon ein gutes Jahrzehnt alt und, soweit man das selber beurtheilen kann, plus beau que nature ist. Aber man darf die Photographie nicht tadeln, wenn sie hie und da ihre gemeinen Gewohnheiten vergißt und etwas artistischer arbeitet, um in Ideal zu machen. Ich habe auch noch ein Bild in kleinerem Format, das Du der lieben Gretel geben wirst mit einem recht schönen Gruß, und es sei recht schlecht von ihr, daß ihr die Beruhigung ihrer Freunde nicht einmal eine Fahrt nach Heidelberg werth sei.

Die Frankfurter Photographien, die ich bestellte, sind nicht gekommen. Freund Hörth könnte einmal gelegentlich der Sache nachfragen.

Das französische Buch verweilt noch beim Buchbinder; es kommt in der nächsten Woche nach, hoffentlich in Begleitung der Frankfurter Rede, die ich bis jetzt nicht auftreiben konnte.

Allerbeste Grüße an Deinen Mann und Deine Kinder.

… Von Herzen
                        Dein L. P.

Montag morgens. Soeben kommen die Photographien von Frankfurt an. Ich lege Dir also auch eine solche bei und eine für Gretchen. Das inliegende Couvert könntest Du vielleicht selber gelegentlich in die Wählergasse bringen, um meine Hauswirthin mit Deiner persönlichen Bekanntschaft zu erfreuen.

[Auf separatem Blatt:]

Dieser Brief ist hoffentlich so abgefaßt, daß Du ihn Gretchen lesen lassen kannst. Es ist recht widerwärtig, wenn man sich nicht frei aussprechen kann. Du muß die Leute daran gewöhnen, daß Du ihnen vorliest, was für sie paßt, und den Rest für Dich behältst. Nicht einmal über Deine häuslichen Beziehungen kann ich offen mit Dir reden, weil ja die Gretel nicht auf den Grund sieht. Wir haben uns freilich nichts zu schreiben, was nicht jedermann lesen dürfte, wenn alle Leute anständig und vernünftig wären; aber nichtsdestoweniger ist es eine unerquickliche Correspondenz, wenn man nie weiß, wer dem Briefempfänger über die Schulter sieht beim Lesen, weil bei intimem Sichgehenlassen es wohl vorkommen kann, daß ein Wort falsch gedeutet, ein Satz anders verstanden wird, als er gemeint ist, und als Du ihn verstehst.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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