Ludwig Pfau (1821-1894)

Flüchtlingssonette vom Jahr 1849.

XI.

O Vaterland! Wer kann in dir noch wohnen?
Wenn ich ein Berg wär’ auf den deutschen Auen,
Wenn ich ein Strom wär’ in den deutschen Gauen,
Auswandern würd’ ich schnell nach andern Zonen.

Wenn ich ein Eichbaum wär’, nicht länger fronen
Würd’ ich den deutschen Männern und den Frauen,
Nach einer neuen Heimat würd’ ich schauen,
Die würdig wäre meiner grünen Kronen.

Doch ach! der Mensch liebt seine Heimatsterne,
Sei seines Volkes Schicksal noch so herbe,
Er zieht gebrochnen Herzens in die Ferne.

Ihm gab ein Gott dies Liebesteil zum Erbe,
Daß er sein Vaterland befreien lerne
Und in ihm lebe oder in ihm sterbe.

Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 287.
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