Ludwig Pfau (1821-1894)

Liebesgänge.

In der schönen Zeit der Liebe,
Wo die Rosen duftend glühen,
Wo die Nachtigallen schlagen,
Zog der Sänger zum, Altane.

Am Altane seiner Dame
Sang er, was er lang verschwiegen;
Wolken flogen himmelüber,
Über seine Seele Wolken –:

»Spät wandl' ich her durch finstre Gassen,
Um mich und in mir düstre Nacht;
Es liegt die Welt so gar verlassen,
Die Sterne schlafen auf der Wacht.

Da steht dein dunkles Haus und schweiget,
Verhüllt mein Glück und Weh zugleich;
Nur aus der Töne Leiter steiget
Der Sänger in dein Schlummerreich.

Ich lausch' empor und lausche wieder,
Und schau' hinaus an dein Gemach;
Da rauscht kein Gruß vom Söller nieder,
Kein Lichtlein ist am Fenster wach.

Mein thöricht Herz erklopft mit Beben,
Derweil du schläfst aus weichem Flaum;
O laß dich küssen, süßes Leben –
Von meinem Hauche nur im Traum!«

Und er harrte lange, lange,
Ob sich Helles niederneige;
Doch kein Vorhang hob sich leise,
Und kein Fenster schob sich klirrend.

Trotzig war das Haus zu schauen
Und unnahbar, wie ein Riese,
Der die lieblichste Prinzessin
Hält in sichrer Hut verschlossen.

Also durch die Sommernächte
Zog der Sänger liebewerbend;
Als im Herbst die Blätter fielen,
Sang er diese Trauerweise:

»Ich bin müd! – müd, wie der Baum,
Der sein Laub zur Erde sendet;
Ich bin müd! – müd, wie die Blüt',
Die ihr Licht nach Innen wendet.

Ich bin müd! – die Liebe liegt
Tot in meines Herzens Bahre;
Ich bin müd! – du Erde auf!
Daß der Sarg zur Grube fahre.

Ich bin müd! – Bestatter Herbst!
Läute deine Totenglocken!
Schüttle, wie dem Baume dort,
Schüttle mir vom Haupt die Locken!

Trag nicht durch die weite Welt
Deine alte Klaggebärde
Des Vergehns; komm, ich bin müd! –
Gieb erst mich der stillen Erde!«

Und er lauschte, hoffend, zagend,
Ob sich Helles niederneige;
Da verschob sich sacht der Vorhang,
Und erklirrend ging das Fenster.

Eine weiße Hand ward sichtbar,
Eine Rose warf sie nieder
Aus das frühe Grab des Sängers,
Der in Liebe sich verblutet.

Doch der Sänger war ein Kluger,
Ist aus Liebe nicht gestorben,
Hat in stiller Klause neuen
Liebes-, Liedespfeil gewetzet.

Als die Winterstürme tobten,
Ward es Lenz in seinem Herzen;
Am Altane seiner Schönen
Sang er mutig neue Gluten:

»O dürft' ich nahen dir einmal
Mit Liebe, statt mit Liebeszeichen!
Dein süßer Mund ist ein Pokal,
Dem durst'gen Sänger Trost zu reichen.

Dein Aug', ein Wunder, schwimmt und loht,
Kein Auge mag es je ergründen;
Der Liebe liebliches Gebot
Will es wie ein Prophet verkünden.

Dein Busen woget wonnebang,
Gehoben wie von innerm Schauer;
Da webt mit flüsterndem Gesang
Des Lebens Sehnen, Lust und Trauer.

Und deine Arme, holdes Weib!
Ein Himmelsthor, wem sie erschlossen!
Und über deinen jungen Leib
Der Schönheit Segen ausgegossen!

O nimm mich aus an deine Brust!
Ganz in dein tiefgeheimstes Leben!
Daß ich der Schöpfung höchste Lust
Durch deine Adern spüre streben.

O laß mich stürzen, wie ins Meer,
Ins Unermessne deiner Sinne!
Bis alles Dasein um uns her
Versunken ist im All der Minne.«

Und er spähte, wünschend, bangend;
Schnell erglänzte Regung oben,
Eilig wehend flog der Vorhang,
Weitaufklirrend ging das Fenster.

Eine weiße Stirn ward sichtbar,
Wie der Mond aus dunkler Wolke,
Und zwei schwarze Augen winkten:
Starr vor Wonne stand der Sänger.

Doch das Haus, wie umgewandelt,
Bot als Leiter die Altane,
Lächelnd wie ein loser Diener,
Der den Herrn zum Liebchen hebet.

Und im Dunkeln schwand der Sänger.
Was dort Heimlichs ward gesponnen,
Weiß die kluge Nacht alleine,
Nie hat er's dem Lied vertrauet.

Als er Morgens heimgekehret,
Frohen Auges, sel'gen Herzens,
Da verbrannt' er alle Lieder,
Nur das letzte ließ er leben.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 208-212.
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