Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 12. 12. 1862
Adressat: Julius Haußmann


London den 12. Dec. 1862
15. Norfolksquare (Hydepark)

Mein lieber Haußmann!

Soeben erhalte ich Deinen Brief nebst Einlage über Antwerpen. Ich bin seit 4 Monaten hier, habe Deinen vorletzten Brief hier erhalten u. von hier aus beantwortet. Es scheint aber, daß Du ihn nicht erhalten hast, da Du dessen nicht erwähnst u. statt hierher nach Antwerpen schreibst. Ich schickte den Brief Ausgangs August hier ab. Ich ging in Angelegenheiten der gevierblichen Kunst für die Independance Belge zur Ausstellung und habe die Gelegenheit profilirt, die Materie noch einmal gründlich durchzumustern, Notizen zu sammeln und Verbindungen anzuknüpfen. Denn nach längerem Kampfe und reiflicher Überlegung habe ich mich entschlossen, die philosophische Scharteke, die ich loslassen wollte, noch zu vertagen, und der gewerblichen Kunst den Vorrang zu geben, weil damit was zu erübrigen ist. Du weißt, in England wachsen einem praktischere Gedanken; es liegt in der Luft. Zugleich habe ich mich auf der Ausstellung überzeugt, welch grosse Anstrengungen allerseits und namentlich in England gegenwärtig gemacht werden, um Geschmack und künstlerisches Element in
den Gewerben zu entwickeln. England legt kunstgewerbliche Museen an, für die es gleich Stücke von 30 - 40.000 fr. ankauft, errichtet Zeichen- und Modellirschulen und zieht die besten französischen Künstler nach London, indem sie dieselben englisch bezahlt. Die Strömung geht also nach dieser Seite,und deßhalb hab ich den Plan ausgeheckt, ein Werk über die industrielle Kunst herauszugeben, dessen vorläufiges Programm hier beiliegt. Da die Sache von nationalökonomischer Wichtigkeit ist, so läßt sich vielleicht von ein oder der anderen Regierung Beisteuer erzielen; jedenfalls von den bedeutendsten Fabrikanten selber, da es in ihrem Interesse ist, ihre Produkte in solch einem Buche besprochen und abgebildet zu sehen, und im Buchhandel endlich ließe sich noch ein schönes Stück Geld herausschlagen, da man, wie Du aus dem Programm ersiehst, die Sache international behandeln u. das
werk in allen Sprachen zugleich erscheinen lassen müßte, um so mehr, als die Abbildungen, einmal gemacht, für alle Länder gleich brauchbar sind.

Leute von Fach und Einsicht, die ich hier darüber consultirte, betrachten das Unternehmen als ein vortreffliches, u. es handelt sich nur darum, wie es auf die beste Manier ausführen,
so daß man den Profit nicht Andern in die Tasche jagt u. blos die Ehre für sich behält. Das beste wäre, wenn man die Sache ganz selbständig betreiben, die Holzschnitte selber anfertigen lassen könnte, um dann das Werk druckfertig an die Verleger der verschiedenen Länder auf einmal loszuschlagen. Dazu brauchts aber Geld, und ich bin eben im Begriffe, mich danach umzusehen. Hast Du Lust und Geld oder weißt Du es aufzutreiben, so sprich, Jack! Denn die Sache ist jetzt lang genug hin und hergedrillt, ich habe das Was und Wie fertig im Kopfe und bin fest entschlossen, ohne Ansehen der Poesie und Philosophie und was immer für einer - ie ins kunstgewerbliche Zeug zu gehen. Denn ein solches Buch würde eine  breiteste Grundlage für eine etwaige Zeitschrift dieser Richtung sein, und mir jedenfalls in der gewerblichen u. kunstkritischen Welt einen Platz machen, der sich in mannigfacher
Beziehung geltend machen und ausbeuten ließe. Ich habe jetzt die Lungerei satt und muß auf feste FUße kommen.

Ich werde also von hier nach Paris und Brüssel gehen, mich dort verbohren u. Empfehlungen an bedeutende Leute ect. in London holen. Ich ziehe gerade meine Zauberkreise um Lord Russel  :und habe ihm schon meine franz. Scharteke ins Haus geschmuggelt; der Minister des Auswärtigen in Brüssel wird mir sodann ein warmes Empfehlungsschreiben an den Earl mitgeben, u. so will ich dann sehen, was sich in England thun läßt. Wenn ich in Paris u. Brüssel fertig bin, komme ich nach Stuttgart. Was den Antrag der Altjungfern-Zeitung betrifft, so siehst Du, daß er unter solchen Umständen nicht wohl annehmbar ist, da ich keine Zeit hätte, mich mit solchem Plunder abzugeben, selbst wenn die Sache an und für sich weniger ecklig wäre. Ins Französische übersetzte Artikel ist ein schulmeisterhafter Unsinn; es läßt sich in der französischen Tagesliteratur genug Brauchbares und Giftfreies finden, und diese franz. Übersetz. Deutscher können blos dazu dienen, ein erbärmliches Französisch in Deutschland zu verbreiten. Viele französischen Schriftsteller und Kritiker haben bei Gelegenheit meiner Scharteke gesagt u. geschrieben, daß sie nie die franz. Sprache von einem Ausländer so gehandhabt gesehen hätten - aber ich möchte die Verantwortlichkeit für eine solche Übersetzerei nicht übernehmen, weil ich überzeugt bin, daß diese elend ausfallen würde. Um französisch zu schreiben, muß man in Frankreich sein, sonst gehts gerade wie mit den deutschen Schneidern und Schustern, die in Paris vortrefflich arbeiten, u. wenn sie nach Stuttgart kommen, so machen sie ((Baaml)) wie die, welche nicht ((drin)) waren.

Das ist eine bleichsüchtige Zeitung von Haus aus und der Hoffmann ist auch ein Schlingel von Haus aus, auf den man sich nicht verlassen kann. Ich übernehme keine Zeitschrift mehr, die ich nicht ganz in Händen habe, allein oder mit zuverlässigen Freunden. Ich will nicht wieder für Andere den Karren aus dem Dreck ziehen. So stehts also; und aus dem bisherigen Gange der Angelegenheit sehe ich, daß ich so oder so damit zu Schlag komme, nur gehts natürlich nicht über Nacht es braucht etwas Zeit und Raum, um sich umdrehen zu können, u. ich sollte jetzt ein paar Monate anständiger Existenz aufzuwenden haben, um die Sache in Brüssel, Paris und London betreiben zu können; denn ein 4 monatlicher Aufenthalt in dem theuren London hat natürlich alle meine Kräfte aufgezehrt. Wenn Du daher ein Kerl bist, Jack, so schaff mir einmal  (( ... )) tausend Franken an, daß ich wuseln kann. Du weißt, daß
Wallenstein sagte, ein paar Regimenter könne er nicht verhalten, aber 50.000 Mann erhalten sich selber; so geht mirs mit dem Geld; ein paar hpndert Franken kann ich nicht heimzahlen, aber ein paar tausend.

Fürs erste jedoch, da Du mir ja zu meiner Mobilisirung Geld angeboten hast, so erlaube mir, daß ich 10 Pfund mit einem Monat dato auf Dich ziehe, damit ich mit heiler Haut wieder auf
den Kontinent komme. Ich werde noch 8-10 Tage hier bleiben, um noch einen Engländer, der mir Geld für das Werk beischaffen will, abzuwarten; die Sache läßt sich so an, daß ein solcher Aufenthalt daran zu wenden ist. Wenn bis dahin nichts Bestimmtes erzielt ist, gehe ich von hier ab, und es wird dann von Deiner Antwort u. vom Gang der Dinge in Paris abhängen, ob ich etwas bälder oder später nach Stuttgart komme. Jedenfalls kann es nichts schaden, wenn ich mich vorher umsehe; ich kann aber auch eine Interimsreise nach
Stuttgart machen, wenn Du anbeißt und meine Anwesenheit dann so wünschenswerth scheint, daß sie die Reise werth ist.

Also rüttel Dich und schüttel Dich, ((Kräutleswachs)), daß etwas wächst, es ist Zeit; denn wir werden sonst alte Esel, eh etwas geschieht. Ich werde also einen schnöden Pfeil auf Dich abdrücken und hoffe auf baldiges Wiedersehen und gemeinschaftliche Thätigkeit.

Herzliche Grüße von Deinem
L. P.
NB. Und der edle ((Ostjück!)) Sein Tod hat mich sehr erbost.


Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Best.: Q 1/2, Bü 278 (NL C. Haußmann)
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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