Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 28. 8. 1850
Adressat: Georg Herwegh


Zürich, den 28. Aug. 1850.

Mein lieber Herwegh!

Jetzt, denke ich, werden Sie, trotz Ihrer Umwege und Ihres Aufenthaltes in Turin, in Nizza angekommen sein, und da Sie nichts von sich hören lassen, will ich den Anfang machen mit der Korrespondenz. Was gegenwärtig am meisten Lärm in Zürich macht, ist die Maßregel des Bundesrats, der gemäß die Flüchtlinge in die verschiedenen Kantone verteilt und gegen 120 aus Zürich ausgewiesen werden. Herr Voltier hat sein Polizeidieners-Genie aufs erstaunlichste entwickelt, denn von ihm geht die ganze Geschichte aus. Er hat vom Bundesrat absolute Machtvollkommenheit in Betreff der Flüchtlinge, regiert wie ein Pascha, schickt weg, begnadigt wieder und sonnt sich in den Strahlen seiner Macht. Den Verteilungsbeschluß werden Sie wohl aus den Zeitungen kennen, nicht aber die Schändlichkeit, mit der zu Werke gegangen wird, so daß die Verteilung bei vielen einer Ausweisung gleichkommt. Man will sich eben wieder einen Teil vom Halse schaffen, und sucht deshalb gerade die heraus, von denen man weiß, daß sie in Zürich ihr Auskommen haben, oder in Betreff ihrer Existenz an Zürich gebunden sind. So muß das rote Zelt nach Bern wandern; alle, die hier als Buchhalter, Hauslehrer ect. förliche Anstellung haben, hat man weggeschickt, um sie in irgend einem Urkanton auf's Pflaster zu werfen, da jede Unterstützung vom Staat aus aufhört. Am schlimmsten aer sind sie mit den Litteraten verfahren. Von denen ließen sie keinen einzigen in Zürich und haben sie nach allen vier Winden versprengt. Den Weißer nach Glarus, den Diezel nach Uri (zu den Urinerinnen), den Riedel nach Obwalden, den Oli nach Niedwalden, mich mit mehreren nach Luzern, andere nach Schwyz und Wallis. Es nimmt mich nur Wunder, daß man uns nicht auf die verschiedenen Eisberge verteilt hat. Vollier hat sich überdies geäußert, es sei ein ganz besonderer Beschluß, daß Alles, was die Feder führen könne, ohne Gnade fort müsse. Hier zeit sich recht die schweizerische Ärmlichkeit und Beschränktheit.

Es ist ein Neid in der Art, wie ihn die Bauernbuben haben, wenn sie einen städtisch gekleideten Menschen auf dem Tanzplatz sehen, der Eindruck bei ihren Schönen macht. Jede Fähigkeit, jede Bildung ist schon "per se" eine Beleidigung für diese zweibeinigen Rohprodukte, die jeder Bearbeitung unfähig sind. Die Konservativen haben übrigens in der eidgenössischen Zeitung Herrn Vollier bös mitgenommen, so daß er anfängt, etwas einzuziehen.

Ich habe nicht im Sinne, nach Luzern zu gehen, sondern will mit Schäuffelen, der jetzt auch nimmer hier bleiben mag, nach Paris gehen. Ich denke, wenn man sich still verhält, wird man sich dort schon aufhalten können. Auch könnten Sie uns vielleicht einige Adressen oder Empfehlungen schicken, wenn Sie noch Bekannte dort haben, weil wir dort ganz fremd sind und nicht im Sinne haben, etwaige Flüchtlingsgesellschaft zu frequentieren.

Schreiben Sie mir doch auch Reichels Adresse. Bis Mitte September denken wir abzufahren.

Haben Sie schon brav Seeungeheuer zerschnitten?

Schreiben Sie uns doch bald von Ihren Reiseabenteuern, von Nizza und ob Sie wieder ganz gesund sind.

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau und leben Sie wohl. Mit herzlichem Gruß

Ihr
L. Pfau.
Adresse: Steingasse 283.


Aus: Briefe von und an Georg Herwegh. 1848. Hrsg. von Marcel Herwegh. 2. Aufl. München 1898, S. 303-305
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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