Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 3. 8. 1889
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 3. Aug. 1889

Liebe Anna!

Der Verlust meines Freundes Haußmann ist mir freilich sehr nahe gegangen; wir waren beide jeder der beste Freund des anderen und haben seit dem Jahr 48 so viel miteinander erlebt, gekämpft und durchgemacht. Wir bildeten gewissermaßen eine Art politisches oder vielmehr demokratisches Triumvirats in den sechziger Jahren, wo wir die demokratische Partei wieder aufrichteten: Haußmann, Meyer und ich. Nun ist Haußmann tot, Meyer liegt im Sterben, und jetzt ist die Reihe an mir. Nun, ich werd mich auch nicht zieren. Es ist was Unerfaßliches in dem Gedanken, daß ein Mensch, mit dem man noch vor wenig Tagen herzlich verkehrte, auf einmal verschwunden ist, weggeblasen und nicht mehr zu finden,  n i e  m e h r !

Aber was hilft alles Seufzen? Der Mensch muß sich mit der Nothwendigkeit verständigen, dazu hat er ja seine Vernunft. Wenn ich in Haußmanns Zimmer komme und sehe den leeren Stuhl vor dem Schreibtisch, wird mir weh zu Muthe; aber ich sage mir, vor hundert Jahren war eine andere Welt da, und nach hundert Jahren ist von alledem, was heute weint und lacht, keine Spur mehr vorhanden - alles kommt ins große ((Kitter))faß, damit neues Leben wachsen kann: dagegen läßt sich nichts machen, nicht einmal etwas sagen; und schließlich macht mans einem ja doch so, daß man gerne geht. Man konnte Haußmann eigentlich eine Verlängerung seines Lebens und Leides nicht wünschen und mußte ihm noch gratuliren, daß er erlöst war. Auch ist es für das Gedächniß des Menschen besser, er stirbt zu einer Zeit, wo er noch eine Lücke läßt.

Ich bin augenblicklich daran, für ein ordentliches Portrait zu sorgen, um es mit den verschiedenen Trauerbotschaften zu einer kleinen Broschüre zu vereinigen, als kleines Andenken.

Durch eine Thätigkeit für den Verstorbenen betrügt man die Erinnerung am besten um ihren Schmerz.

( . . . )

Dabei fällt mir ein, daß am 6. Fr. Lists hundertster Geburtstag ist. Ich habe vor 32 Jahren bei seinem Tode ein Gedicht auf ihn gemacht, dessen Reproduktion am Anfang oder
Ende des Feuilletons, das ihm die 'Frkf. Ztg' ohne Zweifel widmet, gar nicht übel am Platze wäre. Es befindet sich in meiner Sammlung, aber da jetzt weder Stern noch Hörth in Frkf. sind, mag ich die Redaktion nicht darauf aufmerksam machen.

Bis wann trittst Du denn Deine Tour an?

Herzliche Grüße von
                     Deinem L. P...


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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