Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 18. 3. 1888
Adressat: Anna Spier


Stuttgart, den 18. März 88

Liebe Anna!

Ich will Dir nur gleich antworten, das ist das sicherste Mittel, den Brief rechtzeitig zu liefern; denn wenn ich wieder in anderen Ideenverbindungen stecke, bedarfs immer einer Anstrengung, um die Erinnerung an Herzensfreunde, die als Phantasiegenuß recht angenehm ist, bis zur Thätigkeit des Briefschreibens anzuspannen. Du weißt noch
nicht, wie mit dem Alter der Wille widerspenstig wird gegen Anstrengungen, geistige wie physische. Das Traurige an der Sache ist, daß die Seele auch steife Beine bekommt, nicht nur der Körper.

Du scheinst mir in der letzten Zeit Dich in einer geistigen Erregung befunden zu haben, bei welcher Dir Deine häuslichen Obliegenheiten oft etwas unlieblich erscheinen werden. Daß ich im Prinzip mit einer gewissen Entfaltung geistiger Thätigkeit einverstanden bin, ist selbstverständlich; und doch kann ich mich bei Deinen literarischen Beschäftigungen eines gewissen Unbehagens nicht ewehren. Ich habe den Eindruck eines gewissen zerfahrenen, von einem Ast auf den anderen hüpfenden, an allen Beeren naschenden Treibens. Ich habe vielleicht
unrecht; aber ich schreibe Dir meine Empfindung. Was Schopenhauer betrifft, so ist derselbe ohne Zweifel ein Denker und namentlich ein philosophischer Schriftsteller ersten Ranges,
aber trotz seines Genies geräth er im eigentlichen Ergebniß seiner Denkarbeit auf bedauerliche Abwege und sein Pessimismus ist gerade das Gegentheil von der Anschauung, bei der /er/ ankommen müßte, wenn er richtig verfahren würde. Die Natur schafft uns freilich mancherlei Leiden; aber sie kann die Gesetze nur im großen und ganzen handhaben, und da darf nicht jede Maus schreien, wenn ihr ein Stück Schwanz abgequetscht wird. Es fehlte nur noch, daß die Natur à la Gottes Vorsehung jedem einen besonderen Brei kochen müßte, um den Auserwählten ein besonderes Quantum Zucker auf den ((Papp?)) zu streuen. Ihre absolute Unparteilichkeit ist ja gerade unser Trost. - Die Menschen sind freilich großentheils Lumpen, aber die Nichtlumpen reichen immerhin aus, um aus der Menschheit eine schöne und erfreuliche Anstalt zu machen. Also erkenne meinethalben, daß Du unter Tröpfen wandelst , aber lass Dich von Sahopenhauers sehr unphilosophischem und rein individuellen Pessimismus nicht anstecken, sondern bedenke, daß diese Tröpfe Kunst und Wissenschaft geschaffen, viel Wahrheit gefunden und Eisenbahnen und Telegraphen gebaut haben, was auch nicht zu verachten ist. Es hat in seiner Jugend nur eine Person wie Du gefehlt, die sich in den Geist dieses Gnomen verliebt und ihm der Liebe Süßigkeit zu kosten gegeben hätte, und ich bin überzeugt, der Kerl wäre ein Optimist geworden so gut als einer. Aber freilich, im allgemeinen laufen die Weiber den Offizieren nach und haben keinen Begriff von der höheren Mission, welche ihnen die Natur nicht nur als Gebärerinnen der Leibesfrucht, sondern auch als Hebammen des Gedankens zugetheilt hat. -

Was nun Dich betrifft, so scheinst Du mir Deinen Schnabel bald in dieses bald in jenes Büchlein zu tunken und bald das Leben eines ((" Farian" )) - nehmen wir an, er heiße so, denn ich kann hierüber aus Deiner Schrift nicht ins Klare kommen - bald die Thaten eines bayerischen Herzogs zu beschreiben. Was nun diesen letzteren betrifft, so geht mir alles Herzogliche wider den Mann, und ich will mich an der Darstellung seiner Vorzüge lieber nicht betheiligen. Wenn Du wieder sonst etwas Vernünftiges schreibst, so will ich es gern durchlesen
und auch ((auskämmen)) , denn etwas Widerborstiges von Ueberschwänglichkeit wird wohl irgendvw stecken. Dieses Verdachts kann ich mich nicht entschlagen.

Wie es den Sommer mit München werden wird, weiß ich noch nicht. Ein langer Aufenthalt wäre nur sachgemäß, wenn ich einen Bericht für irgend eine anständige Zeitschrift zu machen hätte; hierfür müßte ich mich aber jetzt schon umthun, wenn es anders nicht schon zu spät ist, und dazu bin ich zu faul in Anbetracht , daß ich meine anderen Sachen auf dem Hals habe, mit denen ich auch gern aufräumen möchte. Wenn mir ein passender Antrag käme, würde ich vielleicht doch zugreifen; aber in die Kunstkritik schwatzt ja jeder hinein, der nichts davon versteht.

Meine neue Wohnung behagt mir ganz gut , sie ist eigentlich hübscher wie die frühere aber die andere war so hübsch hell, frei und abgeschlossen gelegen, daß ich sie nicht freiwillig mit der jetzigen vertauscht hätte.

Und was endlich den Kaisertrubel betrifft, so ist mir dieser politische Götzendienst rein zum Ekel, um so mehr, als der Kaiser ohnehin nur der Einband des deutschen Reichsepos war, und von den guten Eigenschaften, die man ihm zuschreibt, die wenigsten besaß. Er war im Grunde nichts als ein wohlerzogener Korporal. Dagegen hatte ich dem neuen Kaiser nicht so viel Gutes zugetraut; er ist wirklich ein humaner und moderner Mensch, und wenn ich aufrichtig bedaure, daß dieser Thronbesitzer ein Röhrchen im Hals hat, so ist das für einen  eingefleischten Republikaner ein starkes Stück Anerkennung. Sicherlich würde er, wenn er leben könnte, den Bismarck mehr oder weniger unschädlich machen; das spürt auch die ganze Junker/ - /, ((Bonzen/ - / )) u . Beamtenwelt, darum sähen sie den Kaiser lieber heute als morgen sterben.

Herzliche Grüße von Deinem
                                       LP


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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