Ludwig Pfau (1821-1894) · Briefedition


Datum: 18. 1. 1887
Adressat: Anna Spier


Stuttgart den 18. Jan. 76 [recte: 87]

Predigen will ich Dir nicht, liebe Anna, denn erstens hilft es kaum mündlich etwas und schriftlich ohnehin nichts; und dann ist die Liebe zum Vater ein zu berechtigtes Gefühl,
als daß ich Dir gerade bei dieser Gelegenheit zu scharf ins Gewissen reden möchte. Im übrigen weißt Du selber, daß wenn das Weib aus der alten Familie ausscheidet, um eine neue zu
gründen, damit Pflichten übernimmt, die allen übrigen vorgehen sollen. Da gilt es denn, das rechte Maß zu finden, und sich nicht vorzuspiegeln, daß man einer Pflicht folge, wenn
man im Grunde seiner Neigung folgt. Die Neigungen haben freilich auch ihr Recht - aber alles mit Maß und Zeit.

( . . . )

Was nun die Politik betrifft, so wäre mir lieber gewesen, Du hättest mir Deine Meinung geschrieben, statt mir Dein Interesse an den Vorgängen kund zu geben; denn was ich davon halte, das kann Dir, meiner ganzen Dir bekannten Richtung nach, nicht zweifelhaft sein. Bismarcks ganze Kunst besteht darin, die öffentliche Meinung durch diplomatischen Lug und Trug irre zu führen und diese Taktik hinter dem Schein einer gewissen brüsken Aufrichtigkeit und verlogenen Bonhomie zu verbergen. Er möchte seine alten Pläne, Tabaks - und Branntweinmonopol, Beschnipflung des allgemeinen Stimmrechts und reactionäre Verfassungsveränderungen, durchführen und dazu einen willigen Reichstag finden. Da ihm nun das nicht gelingen kann, sucht er die Frage in eine patriotische, die Landesvertheidigung betreffende zu verwandeln, der Nation Angst zu machen und so vom erschreckten
Philister Machten zu erhalten, wie er sie für seine wirthschaftlichen Pläne nicht erhalten würde, das ganze Septennat ist nur ein Vorwand, denn für die Wehrstärke des Landes ist es
ganz gleichgiltig, ob die Vorlage auf 3 oder auf 7 Jahre bewilligt wird, ganz davon abgesehen, daß es bei den paar Millionen Soldaten, die man alles in allem aufstellen kann, auf die 40.000 mehr oder weniger nicht ankommt. Dabei will er das konstitutionelle Recht des Reichtags schmälern, den Verfassungsstaat möglichst in ein Militärregiment verwandeln, und zugleich eine Anzahl Offiziersstellen mehr gewinnen, weil es ohne Krieg kein Avancement gibt und die Herren Lieutenants ungeduldig werden, wenn sie bis tief in ihre dreißiger Jahre hinein lieutenanten sollen. Wenn sich der elende  d e u t s c h e  G e l d -  u n d  A n g s t p h i l i s t e r  auch diesmal wieder von dem Bismarckschen Köder fangen läßt, so sind wir auf Jahre hinein verloren und ohne schwere Krisen nicht wieder politisch flott zu machen.

( ... ) Den 'grünen Heinrich' habe ich schon vor Jahren gelesen; er ist recht hübsch wie alles von Keller. Doch sind seine kleineren Erzählungen noch besser. An jenem Abend war
ich vergnügt (heute vor 8 Tagen). Lindau hat mir seinen neuen Roman geschickt.

Inzwischen herzliche Grüße ...
                                      von Deinem L. P.


Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach a. N.
Best.: A: Pfau - o.Nr. -
Transkription: © 1983 Dr. Reinald Ullmann


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