Ludwig Pfau (1821-1894)

Schillerkantate

zu des Dichters Jubelfeier 1859, in Musik gesetzt von Meyerbeer.

Wohl bist du uns geboren,
Gestorben bist du nicht:
Du lebst so unverloren,
Wo deutsche Zunge spricht.
Du giebst uns, großer Meister,
Ein einig Vaterland –
Die Brüderschaft der Geister,
Das ist der Einheit Band.

Dein Wort hat uns gestählet,
Dein Lied uns Trost gebracht;
Dein Hauch hat uns beseelet
Am großen Tag der Schlacht.
Mit Tells Geschoß, ein Rächer,
Stehst du in neuer Zeit –
Der ist der Kettenbrecher,
Der uns den Geist befreit.

Du hast in ew'ge Töne
Das flücht'ge Wort gebannt,
An höchste Menschenschöne
Die höchste Kraft gewandt.
Hell brennt in deutschen Busen
Dein heilig Feuer noch –
Die liebste deiner Musen,
Das war die Freiheit doch.

Nie hat der Dichtung Flamme
Ein edler Haupt geschmückt;
Du hast dem ganzen Stamme
Dein Siegel aufgedrückt.
Wie weite Lande lichter
In Abendgluten stehn –
So darf dein Volk, o Dichter!
In deinem Purpur gehn.

Und liegt das Reich in Scherben,
So stehn wir ungebeugt:
Das Volk kann nicht verderben,
Das solche Männer zeugt.
Den du gestreut, der Same,
Er schießt in Ähren schon –
Gesegnet sei dein Name,
O Deutschlands liebster Sohn!

Ihr Völker! nah und ferne,
Jauchzt unterm Himmelszelt:
Die Denker und die Sterne,
Sie leuchten aller Welt.
Sprich, Genius, dein Werde!
Bis jede Schranke fiel –
Die Menschheit und die Erde:
E i n  Volk, e i n  Land, e i n Ziel!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 405-406 .
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