Ludwig Pfau (1821-1894)

Zu Goethes Grab in der Fürstengruft.

Der Krone Schimmer und des Purpurs Schein,
Was können sie dem Auserwählten sein,
Der auf der Stirn des Gottes Lorbeer trägt,
Um den ihr Goldgewand die Dichtung schlägt?
Zu Liederperlen werden ihm die Leiden,
Er mag kein Los der Sterblichen beneiden.
Was ist ein König? Nur des Glückes Knecht!
Es hebt ihn hoch, der Tod wirft ihn vom Sitze
Der Macht herab, nichts weiß ein neu Geschlecht
Von seiner Krone längst verblichnem Glanz.
Doch ewig steht der Dichter an der Spitze
Der Menschheit da in unwelkbarem Kranz;
Und ist er auch zur Gruft hinabgestiegen,
So blieb der Kranz auf seinem Grabe liegen
Und grünt und blühet fort im Sonnenlicht,
Die Früchte sammelt ein Jahrtausend nicht.
Der Denker ist der höchste Fürst der Erde,
Sein Schwert heißt Wort, und Wahrheit heißt sein »Werde!«
Er ist der König in des Geistes Reich;
Sein Thronsaal ist der Riesendom der Sterne,
Er schaut, ein Seher, in der Zeiten Ferne,
Was er empfängt, verschenkt er alsogleich.
Nicht auf die Häupter setzt er stolze Sohlen,
vom Druck des Knechttums will er sie befrein;
Ihm ist's vergönnt, ein echter Held zu sein,
Kühn wie Prometheus von der Götter Herde
Des ew'gen Lichtes einen Brand zu holen
Und Geist zu hauchen in das Bild von Erde!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 403 .
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