Ludwig Pfau (1821-1894)

In ein Stammbuch.

Der Mensch gleicht einem Baume: so wie dieser
Muß er die Wurzeln in die Erde senken
Und festen Fuß im sichern Grunde fassen,
Damit ihn nicht des Lebens Stürme schüttern
Und er, entwurzelt, welke vor der Zeit,
Doch wie der Baum nur deshalb mit den Wurzeln
Den Boden pflügt, damit er seinen Wipfel
Mit stolzer Freude in den Äther trage,
So soll der Mensch sich an die erd'ge Scholle
Des Lebens klammern, nur daß er sein Haupt
Hochragend in des Himmels Freiheit tauche.
Und wie des Baumes helle Blumenaugen
Mit steter Sehnsucht nach der Sonne schauen,
So soll des Menschen Blüte, der Gedanke,
Sich mächt'gen Drangs empor zum Lichte ringen;
Denn nur das Streben bringt der Sonne näher,
Und nur im Lichte reift des Lebens Frucht.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 400 .
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