Ludwig Pfau (1821-1894)

An die deutsche Poesie.

1845.

Liebe deutsche Poesie,
Sag, in was für Prachtkostümen
Gehst du jetzt so stolz einher?
Weißt du noch? in frühern Tagen
Bist du still und schlicht gegangen,
In der eignen Schönheit prangend,
Wie ein Mädchen von dem Lande,
Leicht geschürzt, mit langen Zöpfen,
Strahlend in der Jugend Fülle;
Hattest deinen keuschen Busen
Nur mit einer wilden Rose
Aus dem nächsten Busch geziert.
Aber jetzt in Schleppgewändern,
Wohl mit tausendfält'gen Falten,
Rauschst du hochfrisiert vorüber.
Deiner Kleider reiche Stoffe
Sind aus Indien verschrieben,
Oder gar aus China, oder
Aus dem Land der dürren Wüste.
Und mit Blumen unsrer Felder
Bist du jetzt nicht mehr zufrieden,
Denn wir sehn, wie deine Pfleger
Ferner Länder Blumen holen
Und ins Glashaus sie verpflanzen,
Deine Schläfe zu bekränzen.
Und wir sehn, wie deine Pfleger
In der Sprache Bergwerk fahren,
Aus den tiefgeheimsten Höhlen
Seltene Metalle brechen,
Und mit Gnomen gar im Bunde,
Niegekannte Edelsteine
Aus dem Schoß der Tiefe heben,
Deine Brust damit zu zieren.
Und wir sehn, wie deine Pfleger,
Steigend in die Taucherglocke,
Kühn in der Philosophie
Dunkle Meerestiefen tauchen,
Mutig all die Felsenklippen,
Die Korallenbank durchwühlen,
Nach den größten Perlen suchend,
Deinen stolzen Hals zu schmücken.
Und wir sehn, wie deine Pfleger
In den finstern Katakomben
Der Geschichte emsig stöbern,
Tausendjähriges Gerümpel
Wohl aus Schutt und Moder graben,
Um selbst mit dem Schmuck der Toten
Deine Reize zu beleben.
Sage nun, du holde Göttin,
Ob du Braut jetzt bist geworden,
Ob man dich so voll und reich
Schmückt zu deinem Hochzeittage?
Oder ob du seit den schlichten
Und bescheidnen Jugendjahren
Bist zur alten Iungfer worden?
Ob du dich so reichlich zierst,
Deine Runzeln, deine Falten
Mit dem hellen Schmuck zu decken,
Wie die alten Fräulein thun?
Aber horch! wie Wetters Brausen
Tönt es und wie Donners Rollen.
Ha! und auf dein friedlich Haupt
Haben dir die wilden Pfleger
Einen Helm gedrückt und in die
Zarten Hände gaben sie dir
Gar ein großes, blankes Schlachtschwert?
Und die Kriegstrommeten blasen,
Und des Sturmes Glocken dröhnen? –
Ist das Brautmusik, du Holde?
Ja! die wilden Pfleger wollen
Mit dem Kriege dich vermählen,
Und mit diesem grimmen Gotte
Sollst du uns die Freiheit zeugen –
O du unerfahrnes Mädchen!
Weißt wohl nicht? – es ist gefährlich,
Mit der Freiheit schwanger gehn!
Zwar es ist recht schön von dir,
Daß du nicht mehr still und einsam
Willst durch Lenzgefilde wallen,
Nicht mehr unterm Baldachin
Beim Turnei der Minne sitzen,
Nicht mehr an der fremden Pracht
Ferner Länder dich erfreun;
Daß du jetzo willst im Lande
Bleiben, redlich dich zu nähren,
Und dich aus der Wälder Frieden
Ins Gewühl der Städte wagen,
Und mit tieferregter Brust
In des Elends Hütte treten;
Daß du, statt des Schwelgers Stirne
Mit der Blumen süßem Dufte
Zu umwinden, Balsam in der
Menschheit Wunden träufeln willst.
Laß nur deine Stimme schallen,
Rufe: Freiheit, Freiheit! daß es
Tausendstimmig wiederhalle
In der Brust des ganzen Volkes;
Sei der Unterdrückten Anwalt,
Sprich für sie mit ehrner Zunge –
Aber laß das Erz der Waffen,
Laß die Streitaxt der Tendenz
Rauhern, stärkern Händen über.
Sieh, dort naht dein wilder Bräut'gam,
Zack'ge Blitze in der Faust,
Schreitet donnernd er wie Zeus;
Und die hohen Himmel dröhnen,
Und die arme Erde zucket
Von dem Beben seiner Brauen.
Nimm in acht dich, unerfahrnes
Deutsches Mädchen, daß der Donnrer
Dich nicht, wie einst Semele
In dem Blitzgewand umarme!
Daß die blut'ge Lohe nicht
Deine holden Glieder senge,
Und dein schöner, süßer Leib nicht
Unter dieses Gatten wildem
Ungestüm zusammenschaure!
Laß ihn ziehn, den grimmen Freier,
Deiner harrt ein schönres Band:
Freudig führen wir die Braut
Aus dem Wolkenhause, wo
Sie in duft'ger Fern' sich wiegte,
Auf die derbe Erde nieder
Zur Vermählung mit dem Leben,
Sei willkommen, Holde, an
Solchen Bundes goldner Schwelle!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 396-400 .
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