Ludwig Pfau (1821-1894)

Dem Andenken meines Vaters:
Philipp Pfau,

ausgewandert nach Ohio im Jahr 1849.

Die Freude kann den Flüchtling nicht erreichen,
Die Trauer eilt ihm nach und fehlt ihn nicht:
Noch klang mein Ohr von deines Beiles Streichen,
Schon barg das Grab dein liebes Angesicht;
Ich sah dich, Vater, nicht im Tod erbleichen,
Mir wandelst du, ein Lebender, im Licht –
Und um die Brust mit sanftem Wellenschlage
Steigt mir die Strömung freundlich alter Tage.

Da taucht mit deinem wohlbekannten Bilde
Die Kinderzeit aus Rosen mir empor:
Es glänzt der Beete farbiges Gefilde,
Das rote Haus blickt sonnenwarm hervor;
Du führst mich an der Hand in ernster Milde
Ans Ende meiner Welt, ans Gartentor –
Darüber rauschen mit den grünen Wogen
Die zwei Kastanien, die du selbst gezogen.

Wie hast du mich in stillen Gartenlanden,
Du kluger Gärtner, liebevoll gehegt!
Wie deine Blumen, sonder Zwang und Banden,
Mit Licht und Luft und Freiheit großgepflegt!
Leicht hast du jeden leisen Drang verstanden,
Der bildend sich in zarter Knospe regt –
So gabst du der Natur mich in Verwahrung,
An ihrer Brust sog ich die erste Nahrung.

Am Feierabend hinter hohem Flieder,
Im runden Platze, saß die Mutter da;
Das Kleinste schaukelnd, sang sie Schlummerlieder,
Derweil sie sorglich auf die GröiJem sah.
Wann find' ich sie, die Tränenreiche, wieder,
Die söhnelose, treue Hekuba? –
Ach! was ihr noch zu spätem Trost geblieben,
Das wandert nun, in alle Welt vertrieben.

Nichts weiß der grüne Halm von künft'gen Ähren,
Bis ihn der Sommer fruchtbar macht – und bleich:
O Jugendzeit! wie glücklich im Entbehren,
In meiner Armut, ach wie war ich reich!
Aus Überfülle floßen alle Zähren,
Das rege Herz so stark und doch so weich! –
Drin schwollen stolz in seligem Gewühle
Wie Nachtigallenstimmen die Gefühle.

So saß ich im Gesträuch - das du begossen
Mit spätem Fleiß, o Vater! – manche Nacht:
Aus Kelch und Busch kam Duft und Ton geflossen,
Gleich einer ahnungsvollen Farbenpracht;
Da war ein heimlich Schaffen und ein Sprossen
Wie tief im Busen so ringsum erwacht –
Und über mir in goldner Zukunft Ferne
Der schönen Jugend hoffnungsgroße Sterne!

So wuchs ich auf und zog hinaus ins Weite,
Und kehrte heim und zog von neuem aus;
Des Gartens Geist, er war mein Weggeleite,
Er sprach zu mir aus jedem Blumenstrauß;
Du gingst, ein ältrer Bruder, mir zur Seite,
Zur festen Burg ward mir das Vaterhaus -
Nun ist mir, seit ich dich verloren habe,
Als brach der Wall, der mich getrennt vom Grabe.

Das große Jahr erschien mit Frühlingsschauer,
Der Baum der Menschheit wurde plötzlich grün -
Welch Freudenfest für einen Gartenbauer!
Die ältsten Äste huben an zu blühn.
Da kam der Frost, es stand die Welt in Trauer,
Hinzogst du mit des Abendrots Verglühn –
Und mit der Freiheit, mit dem Recht, dem Frieden,
Mit andern Göttern, bist auch du geschieden.

Du Mannsgestalt von markigsten Geprägen!
Noch seh' ich dich - dein Auge groß und klar,
Und um die Stirn, von des Gedankens Schlägen
Emporgewölbt, dein spärlich Sorgenhaar.
Zum Abschied gabst du mir die Hand entgegen,
Wir wußten nicht, daß es der letzte war –
So sprachst du: »Statt die Sündflut hier zu schauen,
Will ich euch drüben eine Arche bauen.«

Da lenktest du zur neuen Welt dein Steuer,
Indes ich irrend in der Fremde ging;
Oft schaut' ich dich am schwanken Hüttenfeuer,
Wie dich der Geist des Gartens lind umfing,
Bis dir die müde Wimper, du Getreuer!
Um deine Lieben voller Tränen hing -
Bis du zuletzt, vom Duft der Heimat trunken,
In alte Welt und neuen Grund versunken.

Oft schaut' ich dich im Walde, der mit Grollen
Zurückwich vor des Klärers wucht'ger Hand;
Ich sah den Kern in frische Furchen rollen,
Den du geerntet noch auf deutschem Land.
Nun steigt umsonst lebendig aus den Schollen
Der Same, der den Sämann nicht mehr fand -
Ach! daß du liegst in deiner jungen Erden!
Doch wo du ruhst, da muß ein Garten werden.

Dein Leben schwand - der Welle zu vergleichen,
Vom Stein erregt, der auf den Spiegel fiel:
Es wächst ein Ring, er muß den größern weichen,
Und Ring um Ring erfaßt ein breiter Ziel;
Der letzte strebt nach weitesten Bereichen,
Schon weiß kein Aug' mehr von dem kurzen Spiel –
Er sank dahin in seiner eignen Schwere,
Der größte Kreis verrinnt zum ganzen Meere.

Viel bittre Weisheit ward uns zugewogen,
Die Locken schlichten mählich sich im Bann;
Und kommen wir, gleich Schwalben heimgezogen,
Mit neuem Frühling – fehlt manch guter Mann.
Um unsem schönsten Lohn sind wir betrogen,
Wir suchen Hände, die man drücken kann -
Daß sie die Freude nicht mehr mit uns teilen,
Das sind die Wunden, welche nimmer heilen.

Ich fehlte dir im Kreis der Trauergäste,
Du armer Vater, tapfrer Proletar!
Des Liederflores letzte Blütenäste,
Die bring' ich dir als Totenkrone dar.
Ein frommer Heide, opfr' ich dir das Beste:
Dem Gärtner Blumen, der ihr Pfleger war! –
Schlaf wohl im Land, das dir ein Grab geboten!
lch segne dich, der Lebende den Toten.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 412-416 .
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