Ludwig Pfau (1821-1894)

Begrüßung der Stadt Heilbronn

bei ihrem Erscheinen im Bürgerverein an der Spitze eines Maskenzugs den 19. Februar 1846.

Willkommen, edle Stadt! in diesem Hause,
Das heute sich zu bunter Lust geschmückt;
Du triffst in dieses wogende Gebrause,
Und alles schweigt, von deinem Glanz entzückt;
Der Witz verstummt, der rasche Tanz wird Pause,
Und weil vor dir der leichte Scherz nicht glückt –
So mag der Ernst auf Augenblicke walten,
Es bleibt der Lust ihr Teil nicht vorenthalten.

Willkommen alle! die dich hergeleiten,
Der reiche Strom, der durch die Pforten quillt:
Manch stattlich Bildnis aus vergangnen Zeiten,
Dabei manch Frauenantlitz süß und mild;
Stolz gehen deine Kinder dir zu Seiten,
Von deinem heitern Sinn ein freundlich Bild –
Und die dich dort umgeben in der Runde,
Von ihnen auch gibt mir die Muse Kunde.

Der Gärtner bringt des Frühlings bunte Habe
Aus deiner Gärten duft'gem Blütenheer;
Der Landmann beut des Sommers milde Gabe
Aus deiner Felder goldnem Ährenmeer;
Der Winzer trägt des Herbstes süße Labe
Von deinen weinbekränzten Bergen her –
Und schon erscheint der Jäger mit dem Wilde,
Der Winterbeute deiner Waldgefilde.

Was du uns gibst an manchen Ort- und Zeiten
Erblüht hier plötzlich wie ein Märchentraum;
Und Wunder sprießen rings und Herrlichkeiten,
Wo nur den Grund rührt deines Kleides Saum;
Das Nahe ist vereinigt mit dem Weiten,
Und überwunden scheinen Zeit und Raum –
Du selber hältst das Füllhorn in den Händen,
Uns allen Glück und Segen auszuspenden.

O nicht umsonst trittst du in diese Hallen
Der Bürger heut, an schöner Zukunft reich;
Die Mauerkron' ist dir vom Haupt gefallen,
Und deine Gräben sind der Erde gleich;
Der Ritter Schlachtruf mußte längst verhallen,
Auf ihren Gräbern sproßt ein neues Reich –
Es muß das Eisen jetzt, anstatt zu kriegen,
Als Schiene sich auf deine Straßen schmiegen.

Das Bürgertum will uns die Gleichheit bringen,
Das ist der Schlachtruf dieser neuen Zeit;
Aus Glaubenstrümmern will es aufwärts dringen,
Vom starken Arm der Wissenschaft befreit;
Und seinem Schoße muß sie frei entspringen,
Wo irgend eine edle Frucht gedeiht –
Der Schaum ist tot, mag er auch oben schweben:
Im Volk allein, im Volk ist Kraft und Leben!

Wie jene Paare, die wir staunend sehen,
Aus fernen Tagen, jetzt begriffen kaum,
So werden wir, die wir dich heut umstehen,
Auch künft'gen Blicken schwinden wie ein Traum;
Die Blüte jeden Jahres muß verwehen,
Doch immer neue zeugt der stolze Baum –
So magst auch du, wenn andre Zeiten weben
Ob unsem Häuptern, ewig blühn und leben.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 409-411 .
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