Ludwig Pfau (1821-1894)

Das alte Bettelweib.

1846.

Den reichen Segen habt ihr eben
Geheimst im Feld und auf der Au;
Jetzt holet ihr die Frucht der Reben –
Wo ernte ich, ich arme Frau?
Mein Kleid ist dünn, der Herbstwind brauset,
Ich steh' am Weg im feuchten Kot;
Ihr zieht zum Weinberg, singt und schmauset –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Wohl war auch ich einst rund und blühend,
Man glaubt's mir Alten freilich kaum;
Daß einst dies Antlitz glatt und glühend,
Mir selber ist es wie ein Traum.
Doch ach! was kann sie uns gewähren,
Die Jugend, sei sie noch so rot?
Arbeiten, heißt es, und entbehren! –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Früh mußt' ich aus der Heimat wandern,
Was ist das Los der armen Magd?
Sie deckt des Lebens Tisch den andern,
Ein Platz daran ist ihr versagt.
Ach! all mein Haben war ein Borgen,
Mein ganzes Leben ein Verbot;
Für fremde Freuden mußt' ich sorgen –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Die Mutter, die ihr Kindlein küßte –
Wie schien mir neidenswert ihr Los!
Versiegen sollten diese Brüste,
Verdorren sollte dieser Schoß,
Da kam ein Mann, wohl nicht der beste,
Der einz'ge, der die Hand mir bot;
Die Habe trug er in der Weste –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Ich nahm ihn doch – was sollt' ich hoffen?
Wohl, wenn nach Haus er trunken kam,
Hat mich sein Arm oft schwer getroffen,
Doch reut mich nicht, daß ich ihn nahm.
Ich hab' der Kinder drei geboren,
Sie wurden groß trotz aller Not;
Nun ist mein Leben nicht verloren –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Mein Mann ist plötzlich umgesunken,
Zum erstenmale sanft und mild;
Nachdem er Hab und Gut vertrunken,
Hat ihm der Tod den Durst gestillt.
Die Kinder mühn sich in der Fremde
Vom Morgen- bis zum Abendrot,
wie ich, bis an ihr Sterbehemde –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.

Jetzt bin ich alt und bin alleine,
Der Lust hab' ich nicht viel gesehn;
Ich lache weder noch ich weine,
Es bleibt mir nichts als betteln gehn.
Ein Freund, der einz'ge, den ich habe,
Besucht mich bald, das ist der Tod;
Der reicht mir dann wohl bessre Gabe –
Ihr frohen Herzen! gebt mir Brot.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 315-317 .
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