Ludwig Pfau (1821-1894)

Die letzte Kuh.

1848.

Nicht länger kann ich dir's verbergen,
Mein krankes Weib, so weh mir's thut:
Heut kommt der Weibel mit den Schergen
Und pfändet unser Hab und Gut.
Verfallen ist seit lang die Steuer,
Der Presser sprach schon dreimal zu;
Leer ist der Keller, leer die Scheuer –
Jetzt geht es an die letzte Kuh.

Ihr Futter hab' ich aufgetrieben,
Am Waldsaum nachts beim Mondenschein;
Der Jäger hat mich aufgeschrieben,
Die Strafe kommt noch hintendrein.
Vergebens hab' ich wie ein Knabe
Geflennt beim Amtmann heute fruh:
Die Milch war deine einz'ge Labe –
Und das ist unsre letzte Kuh.

Horch! Schritte kommen durch die Gassen,
O Gott! man tritt in unser Haus.
Soll ich es still geschehen lassen?
Nein, nein! ich werfe sie hinaus.
Doch wär's vergeblich, mich zu wehren –
Man gönnte mir im Turme Ruh':
Die Obrigkeit, die sollst du ehren –
Und nimmt sie dir die letzte Kuh.

Horch! horch! die Stallthür ist gegangen,
Nun treten sie zur Krippe her;
Schon ist die Kette losgehangen;
Sie rasselt auf dem Boden schwer.
Das thun sie in des Königs Namen,
Da wage einer sich herzu!
So möge denn die Hand erlahmen –
Die fortführt unsre letzte Kuh.

Ja, ja! bei Hof sind hohe Gäste,
Ein Lager schlugen sie im Feld;
Da giebt es Bälle, Spiele, Feste,
Drum braucht der König auch sein Geld.
Da schwelgen sie vergnügt im Freien,
Das Volk kommt ohne Strümpf und Schuh'
Den Herren »Vivat hoch«! zu schreien –
Und uns holt man die letzte Kuh.

Fort zieht man sie dort an der Kette,
Wie's treue Tier so kläglich schreit!
Weib! weine nicht in deinem Bette,
Es ist ja unsre Schuldigkeit:
Der König will sich lustig machen,
Drum, armes Weib, verschmachte du!
Die Herren Prinzen wollen lachen –
Und kostet's unsre letzte Kuh.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 313-314 .
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