Ludwig Pfau (1821-1894)

Der Wilderer.

1847.

Das Pulver auf der Pfanne,
Das Messer in dem Gurt,
So laur' ich tief im Tanne –
Dumpf rauscht es bei der Furt:
Hier fiel er, jäh erschlagen,
Hier lag er blutigrot –
Der Wildbach will mir sagen
Die Mär von seinem Tod.

O Waldnacht, still und finster!
Du bist mein Schirm und Schild.
Horch! raschelt's nicht im Ginster?
Nur ein verscheuchtes Wild!
Für dich ist nicht geladen,
Bleib du im Nest und schlaf;
Bist ja von Gottes Gnaden
Als wie dein Herr, der Graf.

Wir sollen dich ja hegen,
Das unsre Felder nagt,
Und wenn wir dich erlegen,
So werden wir gejagt.
O Vater! schnöd erschossen
Auf diesem blut'gen Plan,
Ich stehe unverdrossen
Auf deinen Mörder an.

Hör auf, emporzusteigen
Aus deiner Totenruh',
Halt nicht mit starrem Schweigen
Dein klaffend Herze zu.
Ich sah dein Auge brechen
Wie dem gehetzten Wild –
Bei Gott! ich will dich rächen,
Du zürnend Schattenbild!

Schon dacht' ich ihn zu hören,
Den Förster, im Revier,
Da kam durch diese Föhren
Ein flucht'ger Mann zu mir.
Der sprach, eh' er entronnen,
Ein Wort in tiefem Groll;
Ich habe lang gesonnen,
Was es bedeuten soll –:

»Laß ab dies Wild zu treiben,
Wohl ehr' ich deinen Schmerz,
Doch giebt's noch bessre Scheiben
Als wie ein Försterherz.
Ha! einen Schützen kenn' ich,
Der fand sein Ziel gar schnell;
Ha! einen Namen nenn' ich,
Und der heißt Wilhelm Tell.«


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 311-312 .
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