Ludwig Pfau (1821-1894)

Der alte Student.

1847.

Horch! wie der Jubel sich rührt in den Gassen!
Armes Volk! so gedrückt sonst und bang,
Bis in mein Kämmerlein, öd' und verlassen,
Schickst du mir heute den freudigen Klang.
Fastnacht ist es, da willst du vergessen,
Volk! ewig jung, träume frei dich und reich;
Sind's doch auch Träume nur, was ich besessen –
Alter Student, jetzt von Hoffnungen bleich.

Heilige Kräfte, die wirken und streben,
Tage der Jugend voll Morgenrot,
O wie hat euch das sorgende Leben
Alle entfärbt, und die sorgende Not!
Aber ich trag' als ein Pfand euch im Herzen:
Nur meinem Volk und der Freiheit nur
Schwur ich zu dienen in Wonnen und Schmerzen –
Alter Student, und du hältst deinen Schwur.

Wo sind jene, die mit mir geschworen
Treu in dem schweren Dienste zu stehn?
Leise hat sich der eine verloren,
Still sah den andern bei Seite ich gehn.
Wie geschmeidig sind nun ihre Rücken!
Wo ich erscheine, da weichen sie scheu.
Helfet nur Freiheit und Volk unterdrücken –
Alter Student, ich bleib arm und bleib treu.

Jener dort ist nun Minister geworden,
Der hat als Hofrat ein Recht uns geraubt;
Dieser, bedeckt mit Bändern und Orden,
Predigt dem Volk, was er selber nicht glaubt.
Möget ihr glänzen, genießen und scherzen,
Traget ihr doch in der Brust das Gericht;
Ich bin einig mit meinem Herzen –
Alter Student, ich tausch' mit euch nicht.

O wohl möcht' auch ich wirken und pflanzen,
Doch nicht wie ihr, als der Mächtigen Knecht.
Hier fühl' ich Kräfte zu nützen dem Ganzen
Und zu kämpfen, mein Volk, für dein Recht.
Aber den Genius fesseln die Fürsten,
Und der Nachtwächter hütet das Licht:
Herz! umsonst ist nach Thaten dein Dürsten –
Alter Student, ich verkaufe mich nicht.

Juble nur, juble, mein Volk in den Gassen!
Hasche den Traum, der so schnell dir entschwebt!
Eilt, auf den Festen, ihr Reichen, zu prassen!
Schwelgt auf dem Boden, der unter euch bebt!
Einst kommt der Tag, wo der Genius handelt,
Wo dich, mein Volk, dein Elend befreit,
O wer dann noch bei Lebenden wandelt! –
Alter Student, vielleicht kommt deine Zeit.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 309-310 .
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