Ludwig Pfau (1821-1894)

Sylvester Jordan.

1846.

Wie! hat mir nicht einmal geträumt,
Ich sei so jung, ich sei so stark?
Hat mutig nicht dies Blut geschäumt,
War nicht voll Lebenskraft dies Mark?
Ich bin erwacht aus meinem Traum,
Und sieh, es fährt der Herbst durchs Land,
Die Blätter fallen welk vom Baum,
Und kraftlos zittert meine Hand.

Es war ein Bergmann, der im Schacht
Versunken schlief so manch ein Jahr,
Und als man ihn ans Licht gebracht,
War still sein Herz und weiß sein Haar.
Noch einmal sah er Feld und Wald,
Noch einmal trank er Luft genung –
Dann sank in Staub er alsobald:
Er war so alt, die Welt so jung.

Auch du – blick auf! noch immer schäumt
Der Frühling im Pokal der Welt;
Nur deine Jugend ist versäumt,
Nur deine Wirkenskraft gefällt.
Du hast gerungen und gedacht,
Da brach ein Völkersturm herein –
Was blitzt empor aus dunkelm Schacht?
Das ist der Freiheit Edelstein!

Hinein, mein Herz! und zage nicht,
Ob auch die Wölbung bebt und kracht;
Du hast ein herrlich Grubenlicht,
Das führt dich sicher durch die Nacht.
Voran, o Menschengeist, voran!
Gen böse Geister in den Streit! –
So drang ich vor und brach mir Bahn
In stolzer Freiheitstrunkenheit.

Da sprang ins Schloß das alte Thor,
Und höhnend sprach der Geist der Gruft:
»Verschüttet bist du, junger Thor!
Nimm Abschied nun von Licht und Luft.
Wer hieß dich auch so fest und treu
Dem Volk vertraun bis in den Tod?
Um deinen Kerker schleicht es scheu
Und bittet um sein täglich Brot.«

Still! böser Geist! ich wanke nicht,
Schon wächst ein kühneres Geschlecht;
Und nimmst du meinem Tag das Licht,
So leuchtet meiner Nacht das Recht.
Mut, Mut! mein Volk! und sende nur,
Wie oft auch Kämp' um Kämpe fällt,
Die Jugend aus auf unsrer Spur
Mit ihres Blutes Lösegeld.

Ich ausgegrabner Knappe muß
Jetzt bald in Asch' und Staub verwehn;
Ich fühl' des Lebens letzten Kuß
Auf meinen Lippen sanft vergehn.
Nicht nutzlos fall' ich, Vaterland!
Nimm still in deinen Schoß mich ein:
Ich ruhe an des Weges Rand,
Zur Freiheit, doch als Meilenstein.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 306-308 .
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