Ludwig Pfau (1821-1894)

Friedrich List.

1847.

Hier stehe, treuer Wanderstab!
Hier winket uns ein friedlich Bette;
Dich soll man legen in mein Grab,
Wie dem Kolumbus einst die Kette.
Dich hat mein Land, das mich verstieß,
Dem Flüchtling in die Hand gegeben;
Du einz'ger, der mich nicht verließ,
Nun gilt's zu wandern aus dem Leben!

O Volk, mein Volk! wie hat dies Herz
So heiß und treu für dich geschlagen!
Wie hab' ich, pilgernd, deinen Schmerz
Mit mir durch alle Welt getragen!
Umsonst, umsonst, mein Vaterland!
Sucht' ich aus deinem heil'gen Boden
Mit raschem Mut und starker Hand
Das träge Unkraut auszuroden.

Wohl manches Feld, das ich gepflügt,
Hat jetzt schon grünend ausgeschlagen;
Du Werdegeist, der nimmer trügt,
Du läß'st es reiche Früchte tragen.
Doch weh dem, der die Zukunft schaut
Und der die zürnende verraten!
Das Land, mit seinem Schweiß bethaut,
Trägt andern einst die goldnen Saaten.

Mag mir der Lohn verloren sein,
Holt nur das Vaterland die Garben;
Doch meines Ringens Qual und Pein,
Das find die Keime, die verdarben.
In meinem Haupt des Schaffens Kraft,
In meiner Brust des Wirkens Glühen –
Sie mußt' ich auf der Wanderschaft
In matten Funken leis versprühen.

Weh Deutschland! wenn dein Genius
Vergebens pocht an deinen Thoren,
Und wenn der Mann verfluchen muß,
Daß ihn ein deutsches Weib geboren.
Hier steh' ich einsam und verwaist –
Mein Volk! weh denen die dich lieben!
An deinen Fesseln, deutscher Geist,
Hab' ich die Kraft mir still zerrieben.

Du altes Herz! von Kämpfen matt,
Du Stirn! gepflüget vom Gedanken,
Jetzt weiß ich eine Ruhestatt,
Die heilt die Müden und die Kranken.
Vielleicht daß Deutschland meiner denkt,
Sobald ich wohne bei den Toten,
Daß es den Kranz dem Grabe schenkt,
Den es dem Kämpfer nicht geboten.

Du Schneefeld bist so öd' und karg,
So hoffnungslos als wie mein Leben;
Du hohe Alpe bist ein Sarg
Für eines Mannes hohes Streben.
Ade! es glüht der Berge Haupt
Schon von der Sonne goldnem Kusse:
Mein Volk! verlassen und beraubt,
Wach auf, wach auf! an diesem Schusse.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 333-335 .
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