Ludwig Pfau (1821-1894)

Morgenrot.

1845.

Morgenrot! du heilig Feuer!
Das uns stets den Tag gebracht,
Brich, ein kühner Lichterneuer,
Durch die große Völkernacht!
Des Gedankenmeeres Fluten
Hehr entsteig, ein Himmelsbrand!
Wirf den Schimmer deiner Gluten
Weithin in das finstre Land!

Morgenrot! wie lange, lange
Haben wir zu dir geschaut!
Und in Nächten, noch so bange,
Deinem stillen Werk vertraut!
Stumm sind schon die Nachtigallen,
Und die Morgenwinde wehn –
Willst du aus den dunkeln Hallen,
Heller Geist, nicht auferstehn?

Morgenrot! welch goldnes Glühen
Dringt aus fernster Ferne her?
Ja du bist's! die Wolken blühen,
In der Tiefe rauscht das Meer.
Und schon sehn wir auf den Stirnen,
Die im freien Äther stehn,
Gleich als um die höchsten Firnen,
Deine Flammenkränze wehn.

Morgenrot! dein blutig Scheinen
Fordert blut'gen Zoll es ein?
Wohl! der Schmerz soll nicht mehr weinen,
Und der Tod nicht bleich mehr sein!
Springet freudig, Weihequellen,
Rinnen soll, was rinnen mag!
Steigen aus den roten Wellen
Wird der großen Freiheit Tag.

Morgenrot! du treue Leuchte!
Füll den Himmel an mit Glut,
Und ein Morgenrot befeuchte
Auch die Erde – unser Blut!
Deine ew'ge Fackel trägst du
Uns aufs Grab, da flieht der Tod;
Deinen Purpurmantel schlägst du
Um uns her, o Morgenrot!


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. [297]-298.
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