Ludwig Pfau (1821-1894)

Der Polenmutter Wiegenlied.

1847.

Schlaf, mein Kind, und träume,
Stille ist die Nacht,
Und die alten Bäume
Flüstern um die Hütte sacht.

Schlaf, mein Kind, in tiefem Schlummer
Lieget rings die öde Welt;
Schwere Nacht und blut'ger Kummer
Lagern auf dem weiten Feld.
Durch das Land mit ehrnen Sohlen
Schreitet dumpf die Tyrannei;
Auf den Gräbern edler Polen
Wandeln ihre Schritte frei.

Schließ die Augenlider,
Schlaf, mein Kind, so sacht;
Wasser rauschen nieder
Übers Wehr die ganze Nacht.

Wiegenlieder klingen leise,
Doch die kurze Nacht entflieht;
Dann wird tönen andre Weise,
Dann wird dröhnen andres Lied!
Purpurn durch der Träume Weben
Schaut des Lebens Morgenglut,
Purpurn schaut es in dein Leben –
Aber von der Väter Blut.

Schlaf, mein Kind, und träume,
Stille ist die Nacht;
Und die Wolkensäume
Glühn im Licht des Mondes sacht.

Wirst du nach dem Vater fragen,
Lallend kaum, du armes Kind!
Werd' ich dich zum Hügel tragen,
Wo sie all begraben sind.
Wo, vom Heimatgrund umschlossen,
Alle liegen Hand in Hand,
Väter, Brüder, Schwertgenossen –
Freiheit, ach! und Vaterland.

Schließ die Augenlider,
Schlaf, mein Kind, so sacht;
Alte Heldenlieder
Wehn ums Haus die ganze Nacht.

Schlaf, mein Kind, dir vorzusingen,
Wird die Mutter nimmer müd;
Bist du groß, dann will ich singen
Dir ein Lied, das Funken sprüht –
Ha! ein Lied von blut'gen Klingen,
Vaterland und Waffenspiel;
Und das Schwert dich lehren schwingen,
Das des Vaters Hand entfiel.

Schlaf, mein Kind, und träume,
Stille ist die Nacht,
Und durch Gottes Räume
Ziehen tausend Sterne sacht.


Ludwig Pfau: Gedichte. 4., durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart: Bonz 1889. S. 360-361 .
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